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Verschiedene Brote in einer Papiertüte, darunter Baguette und Brötchen, in Nahaufnahme fotografiert.

Niedrige Inflation, hohe Preise: Warum Lebensmittel teuer wirken

Wer in diesen Wochen an der Kasse steht, hat meist keinen Zweifel, vieles ist teurer geworden. Die Statistik zeigt dagegen ein anderes Bild. Die Teuerungsrate für Nahrungsmittel im Euroraum ist zuletzt deutlich gesunken und lag im August bei 1,1 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit fünf Jahren. Wie passt das zusammen?

Die Antwort liegt in einer Unterscheidung, die im Alltag leicht untergeht. Die Inflationsrate misst, wie sich die Preise eines Warenkorbes gegenüber dem Vorjahresmonat verändert haben. Sie sagt aber nichts darüber aus, wie hoch das Preisniveau bereits ist.

Das Brötchen-Beispiel

Ein einfaches Beispiel macht dies deutlich. Kostet ein Brötchen erst einen Euro und danach 1,20 Euro, ist das eine Preissteigerung von 20 Prozent. Steigt der Preis im folgenden Jahr nur noch um knapp zwei Prozent auf 1,22 Euro, ist die Teuerungsrate niedrig. Das Brötchen bleibt aber dauerhaft teurer als vorher und die Zahlen belegen das. Lebensmittel im Euroraum sind seit Ende 2021 um rund 30 Prozent teurer geworden.

Und woran liegt die Entspannung?

Der Rückgang hat vor allem mit Entwicklungen zu tun, die schon früher begonnen haben. Die Ernte 2025 fiel in Europa überdurchschnittlich gut aus, besonders bei Getreide und Ölsaaten.

Kaffee, Kakao, Zucker: Die Entlastung kommt im Regal an

Gleichzeitig sind die Weltmarktpreise für Rohstoffe wie Kaffee, Tee, Kakao und Zucker von ihren hohen Ständen gefallen. Diese Entlastung wandert nun Schritt für Schritt in die Regale.

Warum spüren wir davon so wenig?

Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Produkten, die sich 2025 stark verteuert haben. Kaffee, Schokolade, Obst und Milchprodukte trugen im September 2026 kaum noch zur Teuerung bei Lebensmitteln bei. Das erklärt einen Teil der Entspannung, die viele Verbraucher bisher aber nicht im Geldbeutel spüren, weil das Preisniveau trotzdem insgesamt hoch bleibt.

Und jetzt? Der Preisdruck kehrt zurück

Allerdings gibt es mehrere Faktoren, die den Preisdruck bei Nahrungsmitteln wieder verstärken dürften. Der erste ist die Energie.

Seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten haben sich Energiepreise stark verteuert.

Energiepreise verteuerten sich zuletzt um 20,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Gesamtinflation im Euroraum stieg von 1,7 Prozent im Januar auf 4,0 Prozent im Oktober.

Was hat Energie mit Lebensmitteln zu tun?

Energie wirkt nicht direkt, sondern über Umwege auf die Lebensmittelpreise. Sie erhöht die Kosten für Transport, Verpackung und Verarbeitung. Besonders wichtig ist Dünger, der zu einem großen Teil aus Erdgas hergestellt wird und dessen Preise seit der Blockade der Straße von Hormus deutlich gestiegen sind.

Grafik der jährlichen prozentualen Veränderungen der Gesamt- und Nahrungsmittelinflation in der Eurozone 2026.

Der Dünger-Faktor: Hormus bis zum Acker

Der zweite Faktor ist das Wetter. Hitze und Trockenheit trafen 2026 große Teile Europas in einer kritischen Phase der Anbausaison.

Wie groß ist der Effekt?

Die EZB schätzt den Effekt auf die Lebensmittelinflation im kommenden Jahr auf 0,3 bis 0,8 Prozentpunkte. Dieser Effekt dürfte schneller wirken als der Energieeffekt, weil das Wetter die Versorgung mit unverarbeiteten Lebensmitteln direkt beeinflusst.

Ein Vorgeschmack: Das Gemüse macht den Anfang

Ein erster Vorgeschmack zeigte sich in den Septemberdaten. Die Teuerung bei unverarbeiteten Lebensmitteln stieg auf vier Prozent, angetrieben vor allem von Gemüsepreisen.

Verarbeitete Lebensmittel, der größere Teil des Warenkorbs, lagen dagegen nur bei einer Steigerungsrate von 0,4 Prozent.

Dieser niedrige Wert dürfte noch die früher gesunkenen Preise widerspiegeln, während die jüngsten Energiepreissteigerungen bisher kaum angekommen sind.

Wie geht es weiter? Die Prognose

Wir glauben, dass die Lebensmittelinflation in der nahen Zukunft deutlicher ansteigen könnte, und die jüngsten gesamtwirtschaftlichen Projektionen der EZB belegen das.

Im dritten Quartal 2027 könnte sie auf 3,4 Prozent steigen und erst danach wieder nachlassen.

Neue Modelle, die auch das Wetter berücksichtigen, rechnen mit einer verzögerten Reaktion. Andere kurzfristige Prognosemodelle sehen dagegen einen noch steileren Anstieg.

Einig sind sich alle betrachteten Modelle in einem Punkt: Die Lebensmittelinflation dürfte im Jahr 2027 wieder steigen.

Wie stark dieser Anstieg ausfällt, hängt davon ab, wie sich Energiepreise und Wetter entwickeln.

Gibt es auch gute Nachrichten?

Einige Faktoren könnten den Effekt abfedern. Die EU produziert einen Teil des Düngers, den sie verbraucht, selbst. Zudem hat die EU im Juli eine befristete Unterstützung genehmigt.

Landwirte erhalten damit Hilfe, die bis zu 80 Prozent der zusätzlichen Düngerkosten abdecken kann.

Auch beim Wetter gibt es regionale Unterschiede. Westeuropa war im Sommer am stärksten von Dürre und Hitzewellen betroffen, während das Bild in Osteuropa gemischter ausfiel.

Was Europa gemeinsam tun kann

Gerade diese regionalen Unterschiede zeigen, dass eine enge europäische Zusammenarbeit, etwa beim Austausch von Erntemengen und bei der Versorgung, dazu beitragen kann, Ausfälle in einzelnen Regionen abzufedern.

Warum sich der Einkaufswagen teuer anfühlt

Der Einkaufswagen ist in den vergangenen Jahren spürbar teurer geworden und eine sinkende Teuerungsrate macht diesen Anstieg nicht rückgängig. Drei Gründe spielen dabei zusammen.

Erster Grund: das Preisniveau

Der erste Grund ist das bereits angesprochene Preisniveau. Lebensmittelpreise steigen über lange Zeit etwas schneller als andere Preise. Das ist normal.

Die Lücke, die sich zwischen 2022 und 2025 geöffnet hat, war jedoch außergewöhnlich groß und hartnäckig.

Der jüngste Rückgang hat davon nur einen Teil geschlossen. Lebensmittel bleiben im Verhältnis zu anderen Gütern auch künftig deutlich teurer als vor dem Preisschub vor knapp fünf Jahren.

Zweiter Grund: die Löhne

Der zweite Grund sind die Löhne. Betrachtet man die Gesamtinflation, liegen die Reallöhne im Euroraum wieder auf dem Niveau vor dem Preisschub. Die Löhne sind also im Durchschnitt mit den Preisen insgesamt mitgewachsen. Betrachtet man jedoch allein die Lebensmittel, zeigt sich ein anderes Bild.

Die Kaufkraft der Löhne für Lebensmittel liegt noch unter dem Stand vor dem Preisschub.

Besonders deutlich wird das bei häufig gekauften Produkten wie Kaffee, Schokolade, Milch und Fleisch.

Dritter Grund: die Häufigkeit

Der dritte Grund ist die Häufigkeit. Lebensmittel kauft man regelmäßig, oft mehrmals pro Woche. Kaum ein anderer Preis begegnet Verbrauchern so oft. Deshalb prägen Lebensmittelpreise die Wahrnehmung der Inflation besonders stark.

Balkendiagramm zeigt Lohn- und Inflationsanstieg sowie Preissteigerungen ausgewählter Lebensmittel seit November 2021.

Zwei Punkte zum Mitnehmen

Aus unserer Sicht sind zwei Punkte festzuhalten. Erstens lohnt der Blick auf das Preisniveau und nicht nur auf die Teuerungsrate.

Wer ausschließlich die monatliche Veränderung betrachtet, übersieht, dass sich die Kaufkraft der Löhne für Lebensmittel seit 2021 noch nicht vollständig erholt hat.

Inflation bleibt jedoch der zentrale Faktor für die Geldpolitik, und da die EZB die Entwicklung bei Lebensmitteln in ihre Einschätzung einbezieht, bleibt die Lebensmittelinflation für Zinsen und Anleihekurse weiterhin von elementarer Bedeutung. Zweitens bleibt die Unsicherheit hoch.

Energiepreise, Düngermärkte und das Wetter können die Prognosen rasch verändern.

Die Lebensmittelinflation hat ihren Biss im Moment verloren, ihren Einfluss aber nicht. Eine niedrige Teuerungsrate bedeutet nicht, dass Lebensmittel günstiger werden, sondern nur, dass sie langsamer teurer werden. Mit Energie, Dünger und Wetter sind die Treiber für neuen Preisdruck bei Nahrungsmitteln bereits erkennbar.

Foto von Bas Peperzak aus Unsplash

Portrait von Jan Mooren

Autor: Jan Mooren

Jan Mooren hat einen Bachelor der Volkswirtschaftslehre der Universität Hamburg sowie einen Master in Financial Management der Universität Trier. Während seines Studiums absolvierte er drei Auslandsaufenthalte in den USA, Italien und Slowenien. Nach seinem Traineeprogramm bei M.M.Warburg & CO startete er als Analyst im Team Portfolio Solutions.

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