Robuste Konjunktur: Gut für Aktien, schlecht für Anleihen
16. Oktober 2026Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in dieser Woche seine neuen World Economic Outlook (WEO) vorgestellt. Die wichtigsten Aussagen lauten:
- Weltwirtschaft trotzt geopolitischen Krisen: Der IWF hebt seine globale Wachstumsprognose für 2026 leicht von 3,0 auf 3,1 Prozent an und erwartet für 2027 eine Beschleunigung auf 3,4 Prozent.
- KI-Boom und Fiskalimpulse kompensieren Ölpreisschock: Während höhere Energiepreise infolge des Nahostkonflikts belasten, wirken milliardenschwere Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) sowie steigende Rüstungs- und Infrastrukturausgaben als Konjunkturstütze.
- Deutschland gibt rote Laterne ab: Mit einer Aufwärtsrevision um 0,6 Prozentpunkte auf 1,3 Prozent BIP-Wachstum für 2026 verzeichnet Deutschland den stärksten Prognosesprung unter den G7-Staaten und lässt Länder wie Frankreich, Italien, Japan und Kanada hinter sich.
- Klare Botschaft für die Kapitalmärkte: Die Kombination aus widerstandsfähigem Realwachstum, einer hartnäckigeren Inflation (4,7 Prozent weltweit) und hohen Staatsdefiziten ist ein klassisches Belastungsszenario für Staatsanleihen, liefert aber über ein kräftiges nominales Gewinnwachstum weiterhin Rückenwind für die Aktienmärkte.
Weltwirtschaft trotzt geopolitischen Krisen und Ölpreisschock
Wer in den vergangenen Monaten ausschließlich auf die geopolitischen Schlagzeilen geblickt hat, musste sich um die Weltwirtschaft Sorgen machen. Die Eskalation im Nahen Osten, die Beeinträchtigungen des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus und ein Ölpreis, der sich im Jahresdurchschnitt 2026 laut IWF-Annahme um über 40 Prozent auf knapp 96 US-Dollar je Barrel verteuert hat, beinhalten alle Zutaten eines klassischen stagflationären Angebotsschocks.
Umso bemerkenswerter fällt das Urteil aus, zu dem der Internationale Währungsfonds kommt: Die Weltwirtschaft verlangsamt ihr Wachstumstempo zwar von 3,5 Prozent im Vorjahr auf 3,1 Prozent im Jahr 2026, schneidet damit aber um 0,1 Prozentpunkte besser ab als noch im Juli erwartet wurde.
Für 2027 wird sogar eine etwas stärkere Konjunkturdynamik mit 3,4 Prozent prognostiziert. Das Risiko einer globalen Rezession (definiert als ein Weltwirtschaftswachstum von unter zwei Prozent) hat der IWF gegenüber dem Frühjahr von 20 Prozent auf nur noch rund 10 Prozent halbiert.
KI-Investitionen und Fiskalimpulse stützen die Nachfrage
Wie erklärt sich diese erstaunliche Widerstandsfähigkeit? Die Antwort liegt in einer historischen Zweiteilung der globalen Wachstumsdynamik. Dem negativen Angebotsschock durch teure Energie steht ein außergewöhnlich starker, positiver Nachfrageschock gegenüber: der globale Investitionsboom rund um KI sowie staatliche Ausgabenprogramme für Verteidigung, Energiesicherheit und Infrastruktur. Volkswirtschaften, die tief in die technologische Wertschöpfungskette integriert sind oder über den fiskalischen Spielraum verfügen, ihre Wirtschaft zu stützen, kompensieren die Bremsspuren jener Länder, die als reine Energieimporteure ohne eigenen Tech-Sektor unter den hohen Rohstoffpreisen leiden.
Diese Robustheit hat allerdings ihren Preis in Form von Inflation.
Der IWF hat seine globale Inflationsprognose für 2026 deutlich auf 4,7 Prozent nach oben korrigiert (nach 4,1 Prozent im Jahr 2025), bevor für 2027 wieder ein Rückgang auf 4,1 Prozent erwartet wird. Dass sowohl die US-Notenbank Federal Reserve als auch die Europäische Zentralbank zuletzt ihre Leitzinsen anheben mussten, ist die direkte Konsequenz einer ungewöhnlichen wirtschaftlichen Entwicklung, die trotz Energiepreisschock nicht eingebrochen ist.
Industrieländer: USA stark, Deutschland überrascht positiv
Besonders auffällig im neuen Zahlenwerk des Währungsfonds ist, dass die Aufwärtsrevision der Weltwirtschaft komplett von den entwickelten Volkswirtschaften getragen wird. Für diese Ländergruppe hob der IWF seine 2026er-Prognose kräftig um 0,4 Prozentpunkte auf 2,1 Prozent an (2027: 1,8 Prozent).
USA bleiben die stärkste große Industrienation
Die Vereinigten Staaten behaupten ihre Ausnahmestellung unter den großen Industrienationen und wachsen laut IWF sowohl 2026 als auch 2027 mit einer Rate von jeweils 2,3 Prozent. Zwei strukturelle Vorteile spielen den USA dabei in die Hände: Erstens ist die US-Volkswirtschaft dank ihrer hohen heimischen Öl- und Gasproduktion weitgehend immun gegen den globalen Preisauftrieb an den Energiemärkten. Was den US-Verbraucher an der Tankstelle belastet, fließt an anderer Stelle als Investitions- und Gewinnimpuls in den heimischen Energiesektor zurück. Zweitens sind die USA das Epizentrum des globalen KI-Investitionszyklus. Dieser Investitionsschub stützt nicht nur die Technologiebranche, sondern zieht über den Bau-, Energie- und Dienstleistungssektor weite Teile der US-Binnenwirtschaft mit. Ein noch stärkeres Wirtschaftswachstum wird dadurch verhindert, dass die Importe massiv zunehmen und der negative Außenbeitrag die Konjunkturdynamik dämpft.
Eurozone wächst verhaltener als die USA
Für die Eurozone fällt das Gesamtbild mit einem erwarteten BIP-Zuwachs von 1,1 Prozent im Jahr 2026 (+0,2 Prozentpunkte gegenüber Juli) und 1,2 Prozent im Jahr 2027 auf den ersten Blick verhaltener aus. Als Nettoenergieimporteur spürt Europa die gestiegenen Öl- und Gaspreise unmittelbarer, was sich in einer gedämpften Konsumneigung der privaten Haushalte und einer zuletzt wieder über die Drei-Prozent-Marke gestiegenen Inflationsrate widerspiegelt.
Deutschland gibt die rote Laterne ab
Unter der Oberfläche vollzieht sich innerhalb des Währungsraums jedoch ein bemerkenswerter Rollenwechsel: Deutschland ist für die größte positive Überraschung des gesamten IWF-Berichts verantwortlich. Nachdem der Währungsfonds der deutschen Wirtschaft im Juli nur 0,7 Prozent Wachstum zugetraut hatte, verdoppelt er seine Prognose für 2026 nun nahezu auf 1,3 Prozent. Denn neben dem Exportwachstum machen sich auch die schuldenfinanzierten Ausgaben des Bundes für Verteidigung und Infrastruktur positiv bemerkbar. Für 2027 wird ein Plus von 1,1 Prozent erwartet. Die Rolle des europäischen Wachstumsschlusslichts reicht Deutschland an Frankreich weiter. Für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone senkte der IWF die Prognose auf magere 0,4 Prozent (2026) und 0,7 Prozent (2027), da politische Instabilität und der unaufschiebbare Zwang zur Haushaltskonsolidierung auf der Konjunktur lasten. Während Italien moderat um 0,8 Prozent (2026) bzw. 0,6 Prozent (2027) wächst, bleibt Spanien mit 2,5 Prozent (2026) und 1,8 Prozent (2027) der unangefochtene Wachstumsspitzenreiter unter den großen Euro-Ländern.
Schwellenländer: China exportiert, Indien wächst aus eigener Kraft
In den Schwellen- und Entwicklungsländern rechnet der IWF für 2026 als direkte Folge des Nahostkonflikts nur mit einem Wachstum von 3,7 Prozent (-0,1 Prozentpunkte) und einer kräftigen Beschleunigung auf 4,4 Prozent im Jahr 2027. Wie stark die Spreizung innerhalb dieser Ländergruppe inzwischen ist, zeigt der direkte Vergleich der beiden asiatischen Schwergewichte China und Indien.
China stützt sich auf Exporte und Industriepolitik
Für China erwartet der IWF eine graduelle Wachstumsabschwächung von 5,0 Prozent im Vorjahr auf 4,5 Prozent im Jahr 2026 und 4,0 Prozent im Jahr 2027. Die chinesische Volkswirtschaft läuft weiterhin auf zwei verschiedenen Zylindern: Binnenwirtschaftlich drückt die noch immer nicht ausgestandene Bereinigung am Immobilienmarkt auf das Vermögen und die Kauflaune der privaten Haushalte; die Konsumentenpreise stagnieren nahe der Nulllinie. Aufgefangen wird diese Binnenschwäche jedoch durch eine enorme Exportoffensive und eine gezielte staatliche Industriepolitik. Chinesische Hersteller nutzen ihre Kostenvorteile und Überkapazitäten, um Weltmarktanteile zu gewinnen. Gleichzeitig agiert man geschickt am Rohstoffmarkt: Durch den Rückgriff auf strategische Ölreserven und den rasanten Ausbau der Elektromobilität konnte China seine Rohölimporte in diesem Jahr um über 20 Prozent drosseln und so den Kostenschock abfedern.
Indien bleibt die wachstumsstärkste große Volkswirtschaft
Als wachstumsstärkste große Volkswirtschaft der Welt erweist sich erneut Indien. Der IWF hob seine Prognose für 2026 um 0,6 Prozentpunkte auf 7,0 Prozent an und erwartet auch für 2027 dasselbe Wachstum. Getragen wird diese Dynamik von massiven öffentlichen Infrastrukturinvestitionen, einer fortschreitenden Digitalisierung, einer günstigen Demografie und einer zunehmenden Ansiedlung internationaler Unternehmen. Gleichwohl zeigt der IWF-Bericht, dass auch Indien nicht völlig immun gegen exogene Schocks ist: Da das Land über 80 Prozent seines Ölbedarfs importiert und zuletzt die Lebensmittelpreise (witterungsbedingt) stark anstiegen, sah sich die indische Zentralbank Anfang Oktober gezwungen, den Leitzins auf 5,5 Prozent anzuheben. Dem strukturellen Wachstumstrend tut diese leichte geldpolitische Straffung jedoch keinen Abbruch.
Fazit für die Kapitalmärkte: Aktien profitieren, Anleihen unter Druck
Was bedeutet die makroökonomische Bestandsaufnahme des Internationalen Währungsfonds für die weitere Kapitalmarktentwicklung? Das Umfeld einer robusten Konjunktur bei gleichzeitig hartnäckiger Inflation und hohen Staatsdefiziten ist vorteilhaft für Aktien, stellt aber einen spürbaren Gegenwind für den Rentenmarkt dar. Denn eine Weltwirtschaft, die mit rund drei Prozent wächst und deren Wachstum sich 2027 auf 3,4 Prozent beschleunigt, benötigt keine generelle geldpolitische Unterstützung.
Preisstabilität oberste Priorität
Der vom IWF prognostizierte Anstieg der globalen Inflation auf 4,7 Prozent hat im Gegenteil die Hoffnungen auf einen baldigen Zinssenkungszyklus beendet.
Die jüngsten Zinserhöhungen von Fed und EZB im September verdeutlichen, dass die Zentralbanken im Zweifel die Preisstabilität über niedrigere Finanzierungskosten stellen.
Der IWF warnt in seinem Bericht eindringlich vor schrumpfenden fiskalischen Puffern. Ob in den USA, in Frankreich oder nun auch durch die milliardenschweren Sondervermögen in Deutschland: Das globale Emissionsvolumen an Staatsanleihen bleibt auf Rekordniveau, während die Notenbanken nicht mehr als preisunempfindliche Käufer auftreten. Investoren verlangen für diese Kombination aus hoher Verschuldung und Inflationsrisiken höhere Risikoprämien. Auf der Rentenseite bevorzugen wir daher kürzere bis mittlere Laufzeiten sowie Unternehmensanleihen mit solider Bilanzqualität gegenüber langlaufenden Staatsanleihen.
Nominales Gewinnwachstum stützt Aktien
Was den Anleihegläubiger schmerzt, spielt den Aktionären dagegen in die Karten: Aktien sind Realwerte.
Aktien sind Realwerte.
Wenn sich ein reales Weltwirtschaftswachstum von über drei Prozent mit einer globalen Inflationsrate von über vier Prozent verbindet, entsteht ein nominales BIP-Wachstum von über sieben Prozent. Für börsennotierte Unternehmen mit intakter Preissetzungsmacht bedeutet dies kräftig steigende Umsätze und eine robuste Entwicklung der Unternehmensgewinne. Zwar begrenzen höhere Anleiherenditen den Spielraum für eine Ausweitung der Bewertungskennziffern, doch die Historie zeigt: Solange steigende Zinsen Ausdruck einer robusten Konjunktur sind und die Unternehmensgewinne zweistellig wachsen, können sich die Aktienmärkte dem Gegenwind höherer Zinsen entziehen.
KI, Verteidigung und Infrastruktur als strukturelle Gewinner
Die im IWF-Bericht identifizierten Wachstumstreiber der Weltwirtschaft decken sich eins zu eins mit den strukturellen Gewinnerbranchen am Aktienmarkt. Erstens profitiert der US-Technologiesektor (inklusive der asiatischen Halbleiter-Wertschöpfungskette in Taiwan und Südkorea) weiterhin von der ungebrochenen KI-Investitionswelle. Zweitens sorgt der europäische und insbesondere deutsche Fiskalimpuls für anhaltenden Rückenwind bei Titeln aus den Bereichen europäische Verteidigung, Sicherheit, Infrastruktur und Industrieautomatisierung.
Schlussfolgerung für die Anlagestrategie
Die Schlussfolgerung für die Anlagestrategie ist damit klar: Wir fühlen uns durch den neuen Weltwirtschaftsausblick des IWF in unserer konstruktiven Haltung für die Aktienmärkte bestätigt.
Vorsicht bei der Durationssteuerung
Kursrücksetzer, die durch geopolitische Störfeuer oder Zinsängste ausgelöst werden, betrachten wir weiterhin als Kaufgelegenheiten in einem intakten, von Unternehmensgewinnen getragenen Aufwärtstrend, während am Anleihemarkt zunächst Vorsicht bei der Durationssteuerung das Gebot der Stunde bleibt. Bei Anleihen dürfte es erst dann zu einer Trendwende zum Besseren kommen, wenn klar ersichtlich ist, dass der Inflationshöhepunkt überschritten ist und die Preissteigerungsraten wieder den Weg in Richtung der Zwei-Prozent-Marke einschlagen. Dann kann auch die Anleiheduration wieder verlängert werden.
Foto von Unsplash von Jan Huber
Autor: Carsten Klude
Carsten Klude studierte nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank VWL mit Schwerpunkt Ökonometrie in Kiel. 1996 kam er zu M.M.Warburg & CO, für die er zunächst die europäischen Kapitalmärkte analysierte und später mit der Leitung des Makro-Research betraut wurde. Seit dem Jahr 2009 ist Herr Klude Mitglied im Investmentrat von M.M.Warburg & CO und verantwortet seit dem Sommer 2013 das Asset Management der Bank. Zusätzlich ist Herr Klude seit dem Jahr 2010 Mitglied im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken e.V., dessen Vorsitz er von 2015 bis 2018 inne hatte.
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