IWF: Der Pfad zur konjunkturellen Erholung bleibt steinig

Jedes Jahr im April und Oktober veröffentlicht der Internationale Währungsfonds (IWF) seinen detaillierten Wirtschaftsausblick und legt seine Prognosen dar. In seiner jüngsten Veröffentlichung positioniert sich der IWF verhalten und betont, dass es noch ein steiniger Pfad bis zu einer nachhaltigen und kräftigen konjunkturellen Erholung sei.

Steinige Aussichten laut IWF Prognose

IWF-Chefvolkswirt Pierre-Olivier Gourinchas erwartet dabei eine Phase

„mit historisch niedrigem Wirtschaftswachstum und zunehmenden finanziellen Risiken – ohne dass die Inflation bereits eine entscheidende Wende genommen hat“.

Vielmehr habe die Wahrscheinlichkeit einer „sanften Landung“ abgenommen. Aus Sicht des IWFs wird es für die Notenbanken daher immer schwieriger, auf der einen Seite die Inflation über eine restriktive Geldpolitik zu bekämpfen und auf der anderen Seite die Konjunktur nicht in eine tiefe Rezession abdriften zu lassen.

Prognose leicht nach unten korrigiert

Aus dieser insgesamt instabilen Gemengelage leitet der IWF ein globales Wirtschaftswachstum in Höhe von 2,8 und drei Prozent für 2023 und 2024 ab – jeweils 0,1 Prozentpunkte weniger als in der Januar-Prognose. Im Hinblick auf die weltweiten Teuerungsraten nahm der IWF jedoch Revisionen nach oben vor. So erwartet er für dieses Jahr eine durchschnittliche Inflationsrate in Höhe von sieben Prozent (plus 0,4 Prozentpunkte) und 4,9 Prozent für 2024 (plus 0,6 Prozentpunkte). Sollte der Stress im Finanzsektor weiter anhalten und zunehmen, rechnet der IWF in einem „plausiblen Alternativszenario“ mit einem globalen Wirtschaftswachstum von lediglich 2,5 Prozent. Das wäre mit Ausnahme der Finanzkrise 2009 und der Corona-Pandemie 2020 das schwächste Wirtschaftswachstum seit 2001.

Wie sehen die Prognosen im Detail aus?

Im Vergleich zur letzten Prognose hat der IWF nur kleine und größtenteils kosmetische Anpassungen vorgenommen. Während er seine BIP-Prognosen für die meisten Industrieländer für das Jahr 2023 erneut leicht angehoben hat – Japan und Deutschland stellen unter den Industrieländern eine Ausnahme dar, hat er sie für das kommende Jahr tendenziell gesenkt.

Deutschland dürfte laut IWF in eine leichte Rezession abdriften und in diesem Jahr einen BIP-Rückgang von 0,1 Prozent verzeichnen.

Damit schließt sich der IWF den Prognosen des ifo-Instituts an und liegt im Vergleich zum Kieler Institut für Weltwirtschaft (0,5 Prozent), zur Gemeinschaftsdiagnose der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute (0,3Prozent) und zu unserer Prognose (0,2 Prozent) am unteren Ende. Für die USA hat sich das Konjunkturbild leicht aufgehellt, sodass der IWF ein BIP-Wachstum in Höhe von 1,6 Prozent anstatt 1,4 Prozent in 2023 erwartet.

Heterogenes Bild in Schwellenländern

Für die Schwellenländer ergibt sich ein heterogenes Bild, wobei der IWF seine BIP-Prognosen für 2023 und 2024 tendenziell nach unten revidiert hat. Eine Ausnahme bildet Russland: Hier geht der IWF trotz westlicher Sanktionen für dieses und nächstes von einem moderaten Wirtschaftswachstum aus. Gründe für den positiven Ausblick sind die stärker als erwartete Widerstandsfähigkeit der Rohölexporte sowie eine kräftige Inlandsnachfrage in Kombination mit einer stärkeren fiskal- und geldpolitischen Unterstützung. Dabei hilft der Verkauf von Öl mit einem Preisabschlag gegenüber dem Weltmarktpreis beispielsweise an China und Indien der russischen Wirtschaft.

Welche Chancen und Risiken sieht der IWF?

Risiken

Wie hoch das Wachstum der Weltwirtschaft am Ende genau ausfällt, dürfte für die Kapitalmärkte keine große Rolle spielen. Viel wichtiger ist ein Blick auf die identifizierten Chancen und Risiken. Da sich die Weltwirtschaft laut dem IWF in einer „riskanten Phase“ befindet, verwundert es daher nicht, dass die Abwärtsrisiken den Ausblick dominieren und die Liste an Belastungsfaktoren lang ausfällt:

  • Erstens entpuppt sich die Entwicklung der Inflation hartnäckiger als erwartet, sodass insbesondere ein weiterer Anstieg der Kerninflationsrate die Notenbanken zu einem noch restriktiveren geldpolitischen Kurs drängen könnte. Verschärft könnte die Situation durch eine zusätzliche Eskalation im Krieg zwischen der Ukraine und Russland werden, die in der Folge erneut zu Preisspitzen bei Lebensmittel- und Energiepreisen führt.
  • Zweitens dämpfen die verschärften Refinanzierungsbedingungen die Investitionsbereitschaft und belasten die Wertschöpfung. Aber auch durch eine weitere geoökonomische Fragmentierung nehmen ausländische Investitionen ab und beeinträchtigen den globalen Handel sowie den Technologie- und Innovationsaustausch. Drittens trübt der Stress im Bankensektor und die damit verbundene Ansteckungsgefahr für die Realwirtschaft den Ausblick ein.

Chancen

Bevor wir aber in eine allzu negative Stimmung verfallen, zählen wir gute Gründe für eine optimistische Erwartungshaltung auf.

  • Zum einen erholt sich die Wirtschaft von den negativen Effekten des Krieges zwischen Russland und der Ukraine (extreme Energie- und Lebensmittelpreisanstiege) und zeigt sich in einer widerstandsfähigen Verfassung. Insbesondere die größtenteils robusten Arbeitsmärkte stärken die Wertschöpfung.
  • Zum anderen nährt das Ende der chinesischen Corona-Abschottungen die Hoffnungen auf eine Belebung des globalen Handels sowie ein Abflauen der Lieferkettenprobleme. Zu guter Letzt sieht der IWF mit Blick auf die Entwicklung der Inflationsrate zum jetzigen Zeitpunkt immerhin keine Gefahr einer ausufernden Lohn-Preis-Spirale.

Wie bewerten wir die Lage?

Zunächst muss man festhalten, dass es mit Blick auf die Konjunktur nicht so schlimm gekommen ist wie es Mitte letzten Jahres von vielen Volkswirten (uns eingeschlossen) befürchtet wurde.

Zu der Entspannung trugen in Deutschland insbesondere die Preisrückgänge an den Energiemärkten sowie Chinas Abkehr von der strikten Corona-Politik bei.

Außerdem nahmen zuletzt die positiven Konjunktursignale zu: Beispielsweise verbesserten sich der ifo-Geschäftsklimaindex sowie der S&P Einkaufsmanagerindex und die deutsche Industrieproduktion sowie die Auftragseingänge erwiesen sich als deutlich robuster.

Eine technische Rezession, also zwei aufeinanderfolgende negative BIP-Wachstumsraten, ist in Deutschland nach dem BIP-Rückgang von 0,4 Prozent im letzten Quartal 2022 nicht auszuschließen. Sie ist aus konjunktureller Sicht jedoch verkraftbar, sofern es nicht zu einer dauerhaften Unterauslastung der gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten oder strukturellen Ungleichgewichten kommt. Beides ist aktuell nicht zu befürchten.

Ist also alles im Lot?

Für eine Entwarnung ist es definitiv zu früh, denn die negativen Effekte der restriktiven Geldpolitik wirken zeitverzögert auf die Realwirtschaft. So dürfte sich der reale Kaufkraftverlust der Verbraucher/-innen in den kommenden Monaten fortsetzen und in stagnierenden oder rückläufigen Konsumausgaben äußern.

Simon Landt

Autor: Simon Landt

Simon Landt hat einen Bachelor der Volkswirtschaftslehre der Universität Kiel sowie einen Master in Quantitative Finance und in Quantitative Economics an der Universität Kiel und an der School of Economics and Business der Universität Ljubljana absolviert. Nach seinem einjährigen Traineeprogramm startete er als Analyst im Makro Research. Seit Oktober 2021 arbeitet Simon Landt im Makro Research zusammen mit Carsten Klude und Dr. Christian Jasperneite. Er ist spezialisiert auf Analysen des aktuellen Marktumfeldes und die Bedeutung für Aktien- und Anleihenmärkte. Seit März 2024 unterrichtet Simon Landt den Masterkurs „Portfolio- und Assetmanagement“ an der Northern Business School.

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