US-Präsidentschaftswahl: Auf der Zielgeraden

In wenigen Tagen, am 3. November, wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Glaubt man den Wahlumfragen, so wird der demokratische Herausforderer Joe Biden die Wahl gewinnen. Allerdings ist sein Vorsprung gegenüber Amtsinhaber Donald Trump in den vergangenen beiden Wochen zusammengeschmolzen.

Wie funktioniert das US-Wahlsystem?

Das Unternehmen Real Clear Politics, das verschiedenste Wahlumfragen auswertet, kommt zu dem Ergebnis, dass Joe Biden derzeit mit 51,1 Prozent der Stimmen rechnen kann, während Donald Trump auf 43,6 Prozent kommt. Das sieht zwar deutlich aus, doch lag Hillary Clinton vor vier Jahren in den Umfragen ebenfalls deutlich vor Donald Trump. Selbst wenige Tage vor der Wahl war ihr Vorsprung in den Umfragen komfortabel, wenn auch nicht ganz so groß wie derzeit der von Joe Biden.

„The winner takes it all“

Zudem wird der US-Präsident nicht direkt von den mehr als 230 Millionen Wahlberechtigten gewählt, sondern von den in den jeweiligen Bundestaaten gewählten Wahlmännern und -frauen. Deren Anzahl hängt von der Bevölkerungsgröße des jeweiligen Bundesstaates ab. In fast allen Bundesstaaten gilt dabei das Motto „the winner takes it all“. Der Kandidat, der die Mehrheit der Stimmen gewinnt, erhält alle Stimmen der Wahlmänner und -frauen, selbst wenn er die Wahl nur mit 50,1 zu 49,9 Prozent gewonnen hat.

Die insgesamt 538 Mitglieder dieses sogenannten „Electoral College“ wählen dann den neuen Präsidenten, der mindestens 270 Stimmen erhalten muss.

Das US-Wahlsystem kann also dazu führen, dass ein Kandidat zwar die Mehrheit der Wählerstimmen (Popular Vote), aber nicht die Mehrheit im Electoral College hat. Dies war beispielsweise sowohl im Jahr 2000 (Al Gore gegen George Walker Bush) als auch 2016 der Fall, beide Male konnten die demokratischen Kandidaten mehr Wählerstimmen auf sich vereinigen als die Republikaner, diese stellten aber dennoch den Präsidenten.

Entscheidende Bedeutung haben die „Battleground States“

Entscheidende Bedeutung für den Wahlausgang haben die großen und besonders hart umkämpften „Battleground States“ Florida, Pennsylvania, Michigan, Wisconsin, North Carolina und Arizona. Wenige Tage vor der Wahl liegt Biden hier im Durchschnitt mit 3,6 Prozentpunkten vor Trump. Doch auch dies ist kein verlässliches Signal, lag doch Hillary Clinton in diesen Staaten vor vier Jahren kurz vor der Wahlentscheidung ebenfalls noch knapp vorn, nur um wenige Tage später Donald Trump zum Sieg gratulieren zu müssen.

Verzögerung des Ergebnisses durch erhöhte Zahl an Briefwählern

Alles in allem ist es somit ein sehr enges Rennen um die Präsidentschaft, dessen Ausgang im Moment kaum zu prognostizieren ist. Eine besondere Brisanz könnte dadurch entstehen, dass bei einem knappen Wahlausgang am Ende des Wahltages noch kein eindeutiger Sieger feststeht, da auf das Auszählen der vielen Briefwahlstimmen gewartet werden muss. Denn vor allem die den Demokraten zuneigenden Wähler haben in diesem Jahr aufgrund des Coronavirus von der Briefwahl Gebrauch gemacht.

Sollte Donald Trump nach den ersten Stimmenauszählungen nur knapp in Führung liegen, dürfte Joe Biden auf die Auszählung der Briefwählerstimmen bestehen – und das kann dauern.

26 Bundesstaaten (darunter auch alle „Battlegrounds“) haben ein Zeitfenster vom 10. bis 30. November, in denen sie das Wahlergebnis bekanntgeben müssen. In 14 Bundesstaaten kann sich die Auszählung sogar bis in den Dezember hinziehen.

Die wichtigsten Daten: 08. Dezember und 14. Dezember

Wichtig sind dabei zwei Daten: Bis zum 8. Dezember, der „Safe Harbour Deadline“, muss jeder Bundesstaat mögliche Anfechtungen und Streitigkeiten geklärt haben, um auf jeden Fall die Zustimmung des Kongresses für die Anerkennung des Wahlergebnisses zu bekommen. Und am 14. Dezember treffen sich die Wahlmänner und -frauen, um den neuen Präsidenten zu wählen. Spätestens dann müssen die Bundesstaaten mit der Auszählung der Wählerstimmen fertig sein.

Man sollte sich also schon jetzt darauf einstellen, dass es länger als üblich dauern könnte bis feststeht, wer neuer US-Präsident wird.

Diese mögliche Phase der Unsicherheit könnte zum einen von Krawallen und Ausschreitungen begleitet werden, zum anderen von fallenden Börsenkursen, da Anleger nichts weniger mögen als Ungewissheit.

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Welcher US-Präsident wäre der „Bessere“ für die Wirtschaft?

Zudem stellt sich die grundsätzliche Frage, welcher US-Präsident für die Wirtschaft und damit auch für die Kapitalmärkte der „Bessere“ wäre. Das ökonomische Zeugnis, das man Donald Trump für die ersten drei Jahre seiner Präsidentschaft ausstellen kann, fällt dabei nicht schlecht aus. Die US-Wirtschaft ist in den Jahren 2017 bis 2019 um durchschnittlich 2,5 Prozent gewachsen. Das ist geringfügig stärker als in der zweiten Amtszeit Barack Obamas (2,3 Prozent), allerdings blieb es hinter den eigenen Ansprüchen (Trump hatte im Wahlkampf 2016 angekündigt, dass die US-Wirtschaft unter seiner Präsidentschaft mindestens um drei Prozent pro Jahr wachsen werde) zurück.

Sehr gut hat sich in den ersten drei Jahren der Trump-Präsidentschaft der US-Arbeitsmarkt entwickelt.

Die Arbeitslosenquote sank von 4,7 Prozent im Januar 2017 bis auf 3,5 Prozent im Februar 2020, ein 50-Jahres-Tief. Die Zahl der sich als arbeitslos meldenden Personen sank in diesem Zeitraum von 7,5 auf 5,8 Millionen US-Amerikaner. Die positive wirtschaftliche Entwicklung hat sich in steigenden Aktienkursen niedergeschlagen: Der S&P 500 ist seit dem 20. Januar 2017 um 44 Prozent und der Dow Jones immerhin um 34 Prozent angestiegen.

Noch besser entwickelten sich die Technologiewerte im Nasdaq-Index, der sich fast verdoppelte.

Besonders hohe Wertzuwächse verzeichneten seit der Amtsübernahme beispielsweise die Aktien von Amazon (291 Prozent), Apple (271 Prozent) und Microsoft (223 Prozent), aber auch Facebook (111 Prozent) und Alphabet (82 Prozent) legten kräftig zu – und das, obwohl Trump in Hinblick auf die mögliche Regulierung von Technologieunternehmen eine durchaus kritische Haltung eingenommen hat.

US-Wirtschaftsdaten litten unter Corona-Pandemie

In den vergangenen Monaten haben sich die Wirtschaftsdaten aufgrund der Corona-Pandemie und der daraufhin ergriffenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beschränkungen jedoch massiv verschlechtert. Auch wenn sich die US-Wirtschaft im dritten Quartal wieder stark erholt hat, bekommt Trump derzeit vermutlich immer noch deutlich weniger Rückenwind für eine Wiederwahl, als dies noch zu Beginn des Jahres der Fall gewesen wäre.

Sollte er Präsident bleiben, dürfte er seinen bisherigen wirtschaftspolitischen Kurs fortsetzen und den Fokus weiter auf die Themen Deregulierung und niedrige Steuern richten.

Dies wäre prinzipiell positiv für das US-Wachstum, sodass die Aktienmärkte bei einer Trump-Wahl positiv reagieren könnten. Allerdings wären weiter zunehmende Spannungen im Verhältnis zu (ehemaligen) Verbündeten und insbesondere im Verhältnis zu China zu erwarten. Hier könnte es zu weiteren Handelsbeschränkungen und neuen Zöllen kommen.

Das Wahlprogramm von Joe Biden: Höhere Steuern und stärkere Regulierung

Das Wahlprogramm von Joe Biden sieht dagegen sowohl höhere Steuern als auch eine deutlich stärkere Regulierung vor. Kernpunkt seiner wirtschaftspolitischen Agenda ist eine Erhöhung der Körperschaftsteuer auf 28 Prozent, die Donald Trump von 35 auf 21 Prozent gesenkt hat. Im Ausland erwirtschaftete Gewinne sollen zukünftig mit 21 statt wie bisher mit 11 Prozent besteuert werden, und jedes Unternehmen soll einen Mindeststeuersatz von 15 Prozent zahlen, wenn es einen Buchgewinn von mehr als 100 Millionen US-Dollar erzielt.

Alle Maßnahmen zusammengerechnet könnten dazu führen, dass die Unternehmensgewinne im S&P 500 um rund 10 Prozent geringer ausfallen werden – ein klarer Minuspunkt aus Sicht der Börse.

Hinzu kommen zu erwartende Regulierungen von Energieunternehmen, die fossile Brennstoffe fördern. Ob auch der Technologie- und der Finanzsektor stärker reguliert werden, ist hingegen offen. So gehören die großen Wall-Street-Banken zu den größten Spendern der Demokraten im Wahlkampf, was von Biden durchaus honoriert werden dürfte. Ähnlich wie Trump ist auch Biden die marktbeherrschenden Stellungen der großen US-Technologiekonzerne ein Dorn im Auge, wobei er die Situation jedoch weniger kritisch beurteilt als andere demokratische Politiker wie Bernie Sanders oder Elizabeth Warren. Eine Zerschlagung und Aufspaltung von Unternehmen wie Alphabet, Facebook, Amazon und Apple ist somit sehr unwahrscheinlich.

Aktienmärkte reagierten bisher positiv auf möglichen Präsidenten Joe Biden

Trotz dieser tendenziell negativen Aspekte einer demokratischen Präsidentschaft haben die Aktienmärkte bislang (von den letzten Tagen abgesehen) eher positiv und mit Optimismus auf einen möglichen Präsidenten Joe Biden reagiert. Neben der Hoffnung auf einen klaren Wahlausgang spielt hierfür sicherlich die Erwartung eines umfangreichen und großvolumigen Fiskalprogramms im Falle eines Sieges der Demokraten die Hauptrolle. Steuererhöhungen und eine stärker regulierte Wirtschaft würden das zukünftige Wachstumspotenzial der US-Wirtschaft belasten.

Dafür könnten zusätzliche Staatsausgaben in beträchtlicher Höhe zumindest kurzfristig zu mehr Wirtschaftswachstum führen.

Kurzfristig dürften neue Hilfen in einer Größenordnung von zwei bis drei Billionen US-Dollar beschlossen werden, für die nächsten zehn Jahre sind sogar zusätzliche Ausgaben in Höhe von rund sieben bis zwölf Billionen US-Dollar im Gespräch. Dieses Geld soll vor allem in die Förderung erneuerbarer Energien (New Green Deal), Infrastruktur, Wohnen, Bildung und in neue Gesundheitsausgaben fließen. Auch ein wieder konstruktiveres Verhältnis gegenüber internationalen Institutionen und Abkommen würde vor allem die angeknacksten Beziehungen zu Europa verbessern. Gegenüber China sollte der Ton zwar konzilianter werden, in der Sache dürfte sich die politische Sachlage aber nicht verändern.

Welche Partei wird Merheit im Kongress erhalten?

Neben der Frage, wer neuer US-Präsident wird, ist ebenso wichtig, welche Partei im Kongress über die Mehrheit verfügen wird. Im Repräsentantenhaus, dem Abgeordnetenhaus, in dem die Demokraten derzeit über eine Mehrheit verfügen, werden alle 435 Plätze neu besetzt. Im Senat, in dem die Republikaner über 53 der 100 Sitze verfügen, werden 35 Plätze neu vergeben. Sollten die Demokraten hier die Mehrheit gewinnen, was den Umfragen zufolge nicht ausgeschlossen ist, könnte Biden alle seine Pläne problemlos durchsetzen. Ob er diese tatsächlich alle umsetzen oder ob er Abstriche vornehmen würde, bleibt abzuwarten. In der Vergangenheit haben viele US-Präsidenten nur Teile ihrer vorher angekündigten Pläne umgesetzt (Trump war hier eine Ausnahme). Sollten die Republikaner dagegen die Mehrheit im Senat verteidigen können, dürfte Biden nur einen Bruchteil seiner jetzigen Steuer- und Ausgabenpläne durchsetzen können. In diesem Fall könnte der neue Präsident zur „lame duck“ werden.

Was bedeutet das für Anleger?

Anleger müssen also in den kommenden Tagen eine Vielzahl potenzieller Entwicklungen im Auge behalten. Neben der Präsidentschaftswahl spielt auch die zukünftige Besetzung des Senats eine wichtige Rolle. Hinzu kommt, dass sich die Stimmenauszählung in die Länge ziehen könnte und deswegen zunächst unklar ist, wie die neuen Machtverhältnisse in Washington aussehen.

Eine längere Phase politischer Unsicherheit könnte zu weiteren Kursverlusten an den Aktienmärkten führen, zumal derzeit die Zahl der Corona-Neuinfektionen in den USA und vor allem in Europa deutlich ansteigt.

Umfangreiche wirtschaftliche Lockdowns, wie im Frühjahr dieses Jahres, erwarten wir aber nicht, unter anderem deshalb, weil die wirtschaftlichen Kosten einer solchen Entscheidung mittlerweile transparent sind. Anleger sollten versuchen, durch eine Phase höherer Kursschwankungen hindurchzusehen. Aufgrund der weiterhin sehr expansiven Geld- und Fiskalpolitik und der begründeten Erwartung, dass in absehbarer Zeit ein Coronavirus-Impfstoff zugelassen wird, gibt es zur Aktienanlage weiterhin keine wirkliche Alternative.

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Profilfbild von Carsten Klude, Chefvolkswirt und Leiter Asset Management

Autor: Carsten Klude

Carsten Klude studierte nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank VWL mit Schwerpunkt Ökonometrie in Kiel. 1996 kam er zu M.M.Warburg & CO, für die er zunächst die europäischen Kapitalmärkte analysierte und später mit der Leitung des Makro-Research betraut wurde. Seit dem Jahr 2009 ist Herr Klude Mitglied im Investmentrat von M.M.Warburg & CO und verantwortet seit dem Sommer 2013 das Asset Management der Bank. Zusätzlich ist Herr Klude seit dem Jahr 2010 Mitglied im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken e.V., dessen Vorsitz er von 2015 bis 2018 inne hatte.

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