US-Wahl: Der Nebel lichtet sich

Wir neigen sonst nicht dazu, in dieser Publikation übermäßig politisch zu argumentieren. Angesichts der aktuellen Vorgänge in den USA kommen wir allerdings nicht umhin, einige Zeilen zu schreiben, die einen eher politischen Charakter haben.

Haben die USA den inneren demokratischen Kompass verloren?

So ist es aus unserer Sicht schon fast ein Trauerspiel, dass ausgerechnet die Vereinigten Staaten von Amerika – das Land, das uns nach dem Zweiten Weltkrieg Nachhilfe in Demokratie gegeben hat, wovon wir bis heute profitieren – selbst den inneren demokratischen Kompass verloren hat. Wie ließe sich sonst erklären, dass der noch amtierende Präsident angesichts wackeliger Umfrageergebnisse in einem verbalen Amoklauf ernsthaft von Betrug und Diebstahl bezüglich der Wahl reden kann, ohne auf massivste Weise von Parteifreunden in die Schranken verwiesen zu werden?

Was ist los mit der einst stolzen Partei der Republikaner, wenn man es zulässt, dass die politische und demokratische Kultur derart mit Füßen getreten wird?

Ein George Bush (Senior) oder ein John McCain würden sich vermutlich im Grab umdrehen, wüssten sie von diesen Vorgängen. Wo sind die vielzitierten „Checks and Balances“, die solche Auswüchse im Keim ersticken müssten? Was ist los mit der knappen Hälfte der US-Bevölkerung, die trotz teilweise vorhandener Zweifel erneut Donald Trump gewählt hat?

Wie groß ist die Unzufriedenheit?

Wie groß muss die Unzufriedenheit mit dem politischen Establishment sein, wenn man stattdessen eine Person wählt, die zwar nicht zum Establishment gehört, die sich aber an keinerlei Regeln von Sitte und Anstand hält? So gesehen ist das eigentliche Problem vielleicht gar nicht so sehr Donald Trump selbst:

Schließlich hat zunächst jeder Mensch das Recht, ein wenig seltsam zu sein und jenseits etablierter Normen zu agieren.

Das Erschreckende ist eher, dass eine Partei bereit ist, eine solche Person erneut für eine Kandidatur zu nominieren und dass dieser dann – unabhängig vom offiziellen Wahlausgang – einen beachtenswerten Anteil der Stimmen (nach aktuellem Stand fast 69 Millionen oder 48 Prozent der abgegebenen Stimmen) auf sich vereinen kann. Wie gespalten und zerrissen muss ein Land sein, dass es so weit kommen konnte?

Joe Biden bisher gute Chancen

Während wir diese Zeilen schreiben, sieht es so aus, als wenn Joe Biden gute Chancen hätte, die Wahl zu gewinnen. Gestern Morgen sah es noch danach aus, als ob Trump erneut die Demoskopen Lügen strafen würde und zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt würde. Doch im Laufe des Tages wendete sich das Blatt nachdem mehr und mehr Briefwahlstimmen ausgezählt waren. In Michigan und Wisconsin haben die Demokraten mittlerweile die Mehrzahl der Stimmen, wenngleich der Vorsprung in beiden Staaten sehr knapp ist. In Pennsylvania und Georgia ist der demokratische Herausforderer dem republikanischem Amtsinhaber immer näher gekommen, aber noch liegt er knapp im Rückstand.

Bliebe es bei dem derzeitigen Stand der Auszählungen, würde Biden Nevada knapp für sich entscheiden und damit genau die 270 Wahlleute zusammenbekommen, die mindestens notwendig sind, um einen Präsidenten zu wählen.

Ein knapperes Ergebnis hat es in der US-amerikanischen Geschichte noch nicht gegeben. Wäre man nicht in der Politik sondern beim Boxen, würde das Schiedsgericht wohl auf Unentschieden entscheiden und einen Rückkampf ansetzen. Vermutlich werden auch juristische Winkelzüge Trumps, der beispielsweise eine Neuauszählung der Stimmen in einigen Bundesstaaten verlangen wird, am Ende nichts an seiner knappen Niederlage ändern können.

Neue US-Präsident könnte zu „Lame Duck“ werden

Die Zerrissenheit des Landes aber bleibt und zeigt sich auch im Senat. Denn während die Demokraten derzeit die besseren Chancen haben, den Präsidenten zu stellen, werden die Republikaner wohl ihre knappe Mehrheit im 100 Sitze umfassenden Senat verteidigen können. Damit könnte der neue US-Präsident schon zu Beginn seiner Amtszeit zu einer „Lame Duck“ werden, weil viele wichtige Entscheidungen zum Thema Steuern und Ausgaben keine Zustimmung im Senat finden werden. Deswegen wäre es für die Demokraten wichtig, mindestens 50 Sitze zu bekommen, weil bei Gleichstand die Stimme des Vizepräsidenten doppelt zählt und damit entscheiden würde.

Quelle: https://www.wsj.com/livecoverage/trump-biden-election-day-2020, 16 Uhr

Was bedeutet das Szenario Biden für die Kapitalmärkte?

Für die Kapitalmärkte muss das allerdings kein kritisches Szenario sein, im Gegenteil. Nicht ohne Grund haben sich die Aktienmärkte nach der Wahl per saldo positiv entwickelt. Denn das derzeitige Ergebnis führt vermutlich dazu, dass ein demokratischer Präsident von einem republikanischen Senat darin gebremst wird, zu linke Phantasien auszuleben.

Eventuell keine großen Steuererhöhungen

So kommt es dann vermutlich nicht zu deutlichen Steuererhöhungen, wie sie Biden in seinem Wahlprogramm in Aussicht gestellt hat. Zudem ist die Wahr-scheinlichkeit, dass umfassende regulatorischen Maßnahmen ergriffen werden, deutlich gesunken. Hauptprofiteure dieser Entwicklung sind die großen US-Technologieaktien und der US-Pharmasektor, die beide kräftige Kursgewinne verzeichneten. Auf ein weiteres Konjunkturprogramm werden sich der neue Präsident und der Senat vermutlich relativ schnell verständigen, da beide Seiten ein Interesse daran haben, ihren Wählern zu helfen. Jedoch dürfte ein solches Paket deutlich kleiner ausfallen, als wenn die Demokraten bei der Wahl einen richtigen Durchmarsch geschafft hätten.

Bedarf stärkerer geldpolitischer Impulse

Dies ist auch der Grund, warum die Renditen für US-Staatsanleihen nach der Wahl und den sich nun abzeichnenden Ergebnissen deutlich gesunken sind: Die Staatsverschuldung wird wohl weniger stark ansteigen als zunächst befürchtet, und auch die Wachstums- und Inflationseffekte fallen geringer aus. Zudem könnte die US-Notenbank stärker gefordert sein, noch mehr geldpolitische Impulse zu liefern, wenn die Fiskalpolitik weniger expansiv ausfällt.

Handelskrieg noch nicht vom Tisch

Wer aber nun glaubt, dass sich auch das Thema Handelskrieg erledigt hat, dürfte sich getäuscht haben. Auch bei den Demokraten und bei Joe Biden existiert durchaus eine erhebliche Skepsis gegenüber einem ungezügelten Freihandel. Protektionistische Maßnahmen sind daher auch unter einem US-Präsidenten Biden zu erwarten – der Hauptunterschied dürfte darin bestehen, dass Biden auf dem internationalen Parkett konzilianter auftritt und sanftere Töne anschlägt; in der Sache dürfte er aber ebenfalls die US-Interessen voranstellen.

Gerade auch gegenüber China wäre damit zu rechnen, dass die harte Gangart zunächst aufrechterhalten wird.

Schließlich sehen sich die USA damit konfrontiert, dass China nicht nur wirtschaftlich gestärkt aus der Corona-Krise hervorgegangen ist, sondern sich auch geopolitisch ganz erhebliche Veränderungen anbahnen. So war es zwar immer klar, dass China die USA hinsichtlich der wirtschaftlichen Bedeutung überholen wird; dass nun aber China sowohl militärisch als auch in der geopolitischen Bedeutung so schnell aufholt, war nicht abzusehen.

Es ist fast Ironie der Geschichte, dass sich dieser Prozess ausgerechnet unter Präsident Trump beschleunigt hat.

Obwohl es eigentlich dessen erklärtes Ziel war, Amerika wieder groß zu machen und nicht China.

Geben die USA ihre Führungsrolle ab?

Dabei ist es kein Zufall, dass die USA ihre Führungsrolle zunehmend an China abgeben. Die USA sind ein zutiefst heterogenes, gespaltenes Land ohne konsistente Strategie. Wer in den letzten Jahren in den USA war und dabei nicht nur die West- und Ostküste, sondern auch die Staaten im Landesinneren besucht hat, wird i.d.R. nicht das Gefühl gehabt haben, dass er ein einziges Land bereise – zu groß sind die Unterschiede zwischen den Landesteilen. Und auch wenn einige der weltweit erfolgreichsten Technologieunternehmen aus den USA kommen, so drängt sich auf einer Reise durch die USA nicht selten der Eindruck auf, dass das Land in der Breite von einem wirklich modernen Land meilenweit entfernt ist.

Sind Erfolge Trumps eher Symptome von Schwäche?

Die Erfolge Trumps sind daher auch eher Symptome dieser Schwäche und nicht unbedingt ihre Ursache. Ausgestorbene Innenstädte und verwaiste Industrie- und Gewerbegebiete stellen nicht selten einen verstörenden Kontrast zu den wachsenden Speckgürteln vieler Städte dar, in deren „Suburban Areas“ ein durchaus angenehmes Leben möglich ist, wenn man nur über das nötige Kleingeld verfügt. Keine Frage – die USA benötigen eine dringende Renovierung ihrer Institutionen und Regeln gleich an mehreren Fronten. Dazu gehört eine Modernisierung des Wahlrechts, eine Abkehr vom Zweiparteiensystem sowie eine ganz andere Art der Findung von Präsidentschaftskandidaten. Wenn das nicht geschieht, werden die nächsten Präsidentschaftswahlen ähnlich polarisierend und chaotisch verlaufen wie es die letzten beiden Male der Fall war.

Welche Relevanz hat das nun für die Kapitalanlage?

Sind das Gründe, eine Allokation in US-amerikanische Aktien zu überdenken? In der Vergangnheit war man i.d.R. gut beraten, Länder in der Allokation von Aktien weniger prominent zu berücksichtigen, wenn diese politische und makroökonomische Schwächen aufwiesen.

USA weiterhin ordentliches gesamtwirtschaftliches Wachstum

Die USA bringen aber das Kunststück fertig, über eine Vielzahl extrem erfolgreicher und wettbewerbsfähiger Unternehmen zu verfügen, und trotz zum Teil erheblicher politischer Störfaktoren auch noch ein ordentliches gesamtwirtschaftliches Wachstum zu erzielen. Auch wenn die USA vom Wachstumspotenzial her ihren Zenit überschritten haben, bedeutet das noch nicht zwangsläufig, dass nun auch das BIP-Wachstum gleich auf null fällt.

Europa wäre froh, wenn es das Trendwachstum aufweisen würde, dass die USA noch vorweisen können.

Damit bleibt es bei unserer grundsätzlichen Einschätzung, dass man nach wie vor gut beraten ist, ein überdurchschnittlich hohes Engagement in US-Aktien einzugehen, zumal ein Präsident Biden in Kombination mit einem republikanisch dominierten Senat möglicherweise die Idealkombination für den Aktienmarkt darstellt.

Chancen für eine verstärkte Allokation in chinesische Aktien?

Ergeben sich aus dem relativen Bedeutungsverlust der USA aber auch Chancen für eine verstärkte Allokation in chinesische Aktien?

Grundsätzlich beantworten wir diese Frage mit einem klaren „Ja“, und wir haben schon vor Längerem damit begonnen, nicht nur aus taktischen, sondern auch aus strategischen Gründen chinesische Aktien in unsere Portfolios aufzunehmen.

Allerdings warnen wir davor, es hier zu übertreiben.

Bei aller wirtschaftlicher Dynamik Chinas darf nicht vergessen werden, dass es sich bei China immer noch um eine Diktatur handelt. Dementsprechend unübersichtlich ist zuweilen der staatliche Einfluss auf Unternehmen; auch hinsichtlich der Verlässlichkeit der Unternehmenskennzahlen dürfen in China Fragen angebracht sein.

Allein der abrupt und für Außenstehende nicht nachvollziehbare Stopp des Börsengangs der Ant Group dürfte ein Warnsignal für alle sein, die glau-ben, dass man unreflektiert US-amerikanische Aktien durch chinesische substituieren kann.

Und so hat sich die Welt für Kapitalanleger trotz der aktuellen Ereignisse in den USA gar nicht so stark verändert.

Je mehr sich der Nebel lichtet und je weiter der Pulverdampf sich verzieht, umso klarer wird man sehen, dass auch in einem zerrissenen Land, das seinen inneren Kompass verloren zu haben scheint und seinen Zenit eindeutig überschritten hat, immer noch attraktive Unternehmen zu finden sind, in die es sich zu investieren lohnt.

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Profilfbild von Carsten Klude, Chefvolkswirt und Leiter Asset Management

Autor: Carsten Klude

Carsten Klude studierte nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank VWL mit Schwerpunkt Ökonometrie in Kiel. 1996 kam er zu M.M.Warburg & CO, für die er zunächst die europäischen Kapitalmärkte analysierte und später mit der Leitung des Makro-Research betraut wurde. Seit dem Jahr 2009 ist Herr Klude Mitglied im Investmentrat von M.M.Warburg & CO und verantwortet seit dem Sommer 2013 das Asset Management der Bank. Zusätzlich ist Herr Klude seit dem Jahr 2010 Mitglied im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken e.V., dessen Vorsitz er von 2015 bis 2018 inne hatte.

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