Wirtschafts- und Finanzpolitik in Deutschland: Ratschläge für schwierige Zeiten

Es wäre gelogen, wenn man behaupten würde, dass die Welt in der Vergangenheit unkompliziert gewesen wäre. Menschen tendieren dazu, aktuelle Herausforderungen als besonders dramatisch einzuschätzen, während vergangene Probleme in der Erinnerung schnell verblassen und damit tendenziell unterschätzt werden.

Trotzdem wird wohl niemand widersprechen, wenn man die Meinung vertritt, dass die aktuelle Gemengelage diesmal tatsächlich kritisch ist. Wenn Kapitalmärkte als Gradmesser verwendet werden, dürfte die aktuelle Situation sogar besonders kritisch sein. In den 10435 Handelstagen der letzten 40 Jahre lag nach unseren Berechnungen der Unterwasserchart eines globalen Mischportfolios aus Aktien und Anleihen an nur etwa drei Prozent der Tage unter den aktuellen Niveaus.

Mit anderen Worten: An fast 97% der Handelstage waren die jeweiligen Rückschläge gegenüber dem vorherigen Höchststand geringer als aktuell.

Wie sollen Märkte auch reagieren?

Das ist keine Überraschung. Wie sollen Märkte auch reagieren, wenn in Russland eine Teilmobilmachung stattfindet, um den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu verschärfen, die Gas- und Strompreise schwindelerregende Höhen erreichen, Gasversorger verstaatlicht werden müssen, die Produzentenpreise so stark steigen wie seit den 20er Jahren des letzten (!) Jahrhunderts nicht mehr, die Leitzinsen rund um den Globus signifikant angehoben werden, Frühindikatoren in den rezessiven Bereich rutschen und in Italien am kommenden Wochenende eine Wahl ansteht, die für Europa gewaltigen Sprengstoff in sich bergen dürfte?

Wirtschafts- und Finanzpolitik stehen vor Herausforderungen

Für die Wirtschafts- und Finanzpolitik eines Landes stellen diese Gegebenheiten extreme Herausforderungen dar. Da kann und darf es nicht überraschen, wenn die politischen Entscheidungen von außen betrachtet einen roten Faden vermissen lassen. Für eine derartige Situation gibt es schließlich kein Drehbuch, nach dem man sich richten könnte.

Trotzdem gilt es ab jetzt, so wenig Fehler wie möglich zu machen und mit den Herausforderungen strategisch bestmöglich umzugehen. Denn jetzt werden die Weichen dafür gestellt, ob die aktuelle Situation eine temporäre Krise bleibt oder aber der Ausgangspunkt für den langfristigen Niedergang Deutschlands und letztlich des Kontinentes darstellt.

Unsere Ratschläge

Daher erlauben wir uns, (ungefragt) einige Ratschläge in den Ring der politischen Meinungsbildung zu werfen. Dabei mag sich der eine oder andere fragen, ob man als volkswirtschaftliche Abteilung einer Bank dazu berufen ist, hier schlaue Ratschläge erteilen zu können. Wir denken allerdings schon, dass ein gewisser Mehrwert geliefert werden könnte.

Denn als Volkswirt lernt man zum einen schon im Studium, dass die Ausbildung auch dazu dient, später Politikberatung betreiben zu können und dies ggf. auch zu tun, wenn dies nötig erscheint. Letztlich ist man als Volkswirt immer auch Botschafter ökonomischer Denkstrukturen, die sich von politischen (und damit auch manchmal ideologischen) Denkstrukturen meist abheben.

Und zum anderen geht einem die Fähigkeit zum strategischen Denken in Fleisch und Blut über, wenn man tagein, tagaus Entscheidungen an Kapitalmärkten zu treffen hat.

Gerade weil man jeden Tag Entscheidungen unter großer Unsicherheit treffen muss, sind Kapitalmärkte eine geradezu ideale Schule nicht nur zur Erlangung von Demut, sondern eben auch für strategisches Denken.

Legen wir also los und greifen einige wenige Punkte heraus

Strom- und Gaspreise

Die hohen Strom- und Gaspreise sind Ausdruck einer physischen Knappheit bei der Verfügbarkeit von Gas. Dieses Problem wird so lange bestehen bleiben, wie die physische Knappheit nicht reduziert wird. Da sich der Kauf von russischem Gas auf absehbare Zeit erledigt haben dürfte, gilt es jetzt, Lieferungen aus anderen Ländern so schnell wie möglich zu erhöhen und den eigenen Verbrauch zu reduzieren.

Vor allem der eigene Verbrauch ist eine Stellschraube, an der noch etwas gedreht werden kann. Hier gilt es, so viele Atomkraftwerke und so viele Kohlekraftwerke wie möglich wieder in den Betrieb zu nehmen oder weiter laufen zu lassen, damit Gas niemals mehr im Grundlastbetrieb der Stromerzeugung verbrannt wird, sondern nur noch als Regelenergie im Wechselspiel mit Wind- und Solarstrom.

Uns ist schon klar, dass diese Aussagen das Potenzial haben, einen „Shitstorm“ auszulösen. Aber Aufgabe einer Strategieberatung besteht ja nicht darin, dem Zeitgeist nach dem Mund zu reden, sondern Fakten zusammenzutragen und darauf basierend Entscheidungen zu treffen. Und da gehört es eben zur Wahrheit, dass der Weiterbetrieb von deutschen Atomkraftwerken für ein paar Jahre sicherheitstechnisch vertretbar ist und der zusätzlich anfallende Atommüll die ohnehin zu lagernde Menge nur um wenige Prozentpunkte (wenn überhaupt) erhöht.

Auch der Betrieb von Kohlekraftwerken ist viel weniger kritisch als von vielen gedacht. Natürlich stoßen Kohlekraftwerke pro produzierter Megawattstunde Strom mehr CO2 aus als Gaskraftwerke, doch müssen dafür ja Emissionsrechte gekauft werden. Und da die Menge an europäischen Emissionsrechten zwingend begrenzt ist, können in der Summe auch nicht mehr Emissionen entstehen, wenn mehr deutsche Kohlekraftwerke laufen.

Die Emissionen müssen dann aber woanders eingespart werden – wo das genau passiert, entscheidet der Markt, und dem Markt gelingt dies recht effizient.

Mehr Atomkraft und mehr Kohleverstromung können aber nur kurzfristige Lösungen sein, um uns aus der aktuellen Notsituation zu befreien.

Langfristig führt kein Weg daran vorbei, den (übrigens deutlich steigenden) Strombedarf so weit wie eben möglich über erneuerbare Energien abzudecken, auch um gegenüber anderen Ländern und Lieferanten unabhängig zu sein.

In Deutschland spielt hier vor allem die Windenergie eine wichtige Rolle. Wenn aber in Deutschland (in sagen wir mal 15 Jahren) der dominante Anteil an Strom und Wasserstoff mit Windkraft erzeugt werden soll, dann steht uns eine Herkulesaufgabe bevor, die in ihrer Dimension – bei allem Respekt – von der Politik noch nicht ansatzweise verstanden wurde.

Wir brauchen dafür eine ganz neue Gesetzgebung, die den Ausbau von Stromtrassen und Wasserstoffpipelines sowie von Wasserstoffspeichern in kürzester Zeit ermöglicht.


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Und wir brauchen Behörden, die personell und technisch dazu befähigt werden, so schnell wie möglich Vergabeverfahren durchzuführen. Hier sind Anstrengungen möglich, die man sonst eigentlich nur aus der Kriegswirtschaft kennt. Das sind harte Worte, aber allein die Tatsache, dass sich der pro-Kopf-CO2-Ausstoß in Deutschland in den letzten 20 Jahren kaum verändert hat, spricht Bände und zeigt, dass wir mit jetzigen Verfahren und Methoden komplett auf dem Holzweg sind.

Und wenn man schon diesem Bereich eine strategische Bedeutung beimisst, dann wäre es auch sinnvoll, die heimische Windkraftindustrie selektiv zu unterstützen. Denn wenn wir so weitermachen wie aktuell, werden in fünf Jahren nicht nur alle Solarmodule aus China kommen, sondern auch alle Windkraftanlagen. Kostet das alles sehr viel Geld? Natürlich! Muss der Staat hier unterstützen? Natürlich!

Gilt es, soziale Härten abzufangen, die in den kommenden Jahren zwangsläufig entstehen und noch größer werden? Auf jeden Fall! Sollte man dafür die deutsche Verschuldungsbremse einmotten? Wir denken schon!

Denn ein Sachverhalt wird in dieser Debatte aus unserer Sicht komplett übersehen

Angesichts der Erwartung eines weiteren Anstiegs der Leitzinsen der EZB, sich ausweitender Renditeabstände zwischen deutschen und südeuropäischen Staatsanleihen sowie dem Erfolg extrem europafeindlicher Parteien in vielen Ländern Europas ist es ohnehin nur noch eine Frage der Zeit, bis die europäischen Schulden vergemeinschaftet werden und eine Transfer- und Fiskalunion eingeführt wird.

Damit wird dann ein zusätzliches deutsches Verschuldungspotenzial von 1.500 bis 2.000 Mrd. Euro angezapft – eine Summe, die Deutschland jetzt noch für sich selbst ausgeben könnte. Das Zeitfenster dafür schließt sich aber, und mutige Entscheidungen sind gefragt. Handlungsmuster entlang historischer Verhaltensweisen sind kein guter Ratgeber. Alles muss auf den Prüfstand.

Wenn die Politik dies nicht sehr schnell versteht, wird uns diese Krise nicht mehr loslassen.

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Christian Jasperneite

Autor: Dr. Christian Jasperneite

Dr. Christian Jasperneite studierte an der Universität Passau VWL und promovierte anschließend an der Universität Passau am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Harvard University begann er im Jahr 2000 als Analyst im Makro-Research von M.M.Warburg & CO. Seit Anfang 2009 ist Dr. Jasperneite Chief Investment Officer bei M.M.Warburg & CO und verantwortet dort u.a. Fragen der strategischen und taktischen Allokation sowie der Portfoliokonstruktion und der Produktentwicklung.

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