Ist der Inflationshöhepunkt in Deutschland erreicht?

Das Niveau der Preissteigerungen hat in Deutschland lange nicht mehr gekannte Höhen erreicht. Einige Politiker warnen bereits vor möglichen sozialen Unruhen im Herbst. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Inflationsrate in Deutschland weiterhin steigt? Oder ist die Preisspirale nach oben möglicherweise schon gestoppt?

Kaum ein Thema wird von Politikern, Ökonomen und der Bevölkerung aktuell so stark diskutiert wie die Entwicklung der Inflation. Nachdem die Inflationsrate in Deutschland in der letzten Dekade durchschnittlich 1,3 Prozent betrug und Zentralbanker sich zweitweise Sorgen über eine Deflation machten, feierte die Inflationsrate in den vergangenen beiden Jahren ein fulminantes Comeback und kletterte zuletzt auf über sieben Prozent.

Inflationsraten auf Rekordhoch

Damit ist Deutschland nicht die Ausnahme: Auch in den USA (8,5 Prozent) und im gesamten Euroraum (8,6 Prozent) erreichten die Inflationsraten historische Höchstwerte. Für die Verbraucher machen sich die hohen Preissteigerungsraten insbesondere an den Supermarktkassen, beim Blick auf die Stromrechnung oder beim Urlaub deutlich bemerkbar.

In der Folge sinken das reale Einkommen und die Sparquote, sodass private Haushalte vor allem bei der Anschaffung von teureren Konsumgütern zurückhaltender werden. Ähnlich ergeht es Unternehmen, die versuchen die höheren Inputkosten an die Abnehmer weiterzureichen, um ihre Gewinnmargen aufrecht zu erhalten.

Haben deutsche Haushalte und Unternehmen das Schlimmste schon überstanden?

In der Tat sorgen die jüngsten Inflationszahlen aus Deutschlang auf den ersten Blick für Aufatmen: Nach der höchsten Inflationsrate seit Anfang der 1950er Jahre in Höhe von 7,9 Prozent im Mai sank die Teuerungsrate auf 7,6 Prozent im Juni und 7,5 Prozent im Juli. Bei einem zweiten Blick kommen jedoch Zweifel an dieser These auf, denn der Rückgang war durch drei Sondereffekte maßgeblich beeinflusst. Zum einen wurde im Juni der Tankrabatt auf Diesel- und Superkraftstoffe und das 9€-Ticket eingeführt und zum anderen entfiel zum 1. Juli die EEG-Umlage in Höhe von 3,7 Cent pro Kilowattstunde. Allerdings laufen die ersten beiden Entlastungsprogramme Ende August aus, sodass die Inflationsrate allein aufgrund dieser Effekte wieder um rund einen Prozentpunkt höher ausfallen wird.

Was spricht dennoch für einen Rückgang der Inflationsrate?

Zuletzt sind die Produzentenpreise in Deutschland leicht rückläufig gewesen und signalisieren womöglich einen Preisrückgang der Konsumentenpreise – allerdings befinden sie sich mit einer Jahresrate von 32,7 Prozent nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau.

Außerdem deuten Frühindikatoren wie der Ifo Geschäftsklimaindex, Einkaufsmanagerindizes und die Stagnation des realen Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal in Deutschland auf eine deutliche konjunkturelle Abkühlung hin. In der Theorie müsste eine wirtschaftliche Abschwächung und damit einhergehend eine rückläufige Nachfrage nach Gütern und Dienstleistung ceteris paribus das Preisniveau drücken.

Dabei spiegeln sich die globalen Rezessionssorgen in den gesunkenen Ölpreisen wider, die für die reale Kaufkraft der Konsumenten wiederum eine erfreuliche Nachricht sind. Begleitet und verstärkt wird die konjunkturelle Abkühlung von den Zinserhöhungen der Notenbanken. Nachdem sich die EZB viel Zeit mit der gelpolitischen Straffung gelassen hat, hat sie ihre Zinsen im Juli um zunächst 0,5 Prozentpunkte angehoben – bis Jahresende sind noch weitere Zinsschritte bis auf rund 1,2 Prozent eingepreist.

Auf der anderen Seite gibt es jedoch valide Gründe, warum die Inflationsrate ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Auch wenn die EZB die Zinswende eingeläutet hat, kann sie die angebotsseitigen Preistreiber nur schwer beeinflussen.

Dazu zählen beispielsweise die Energie- und Lebensmittelpreise, die sehr stark durch den Krieg zwischen Russland und der Ukraine beeinflusst werden. Vor allem die Gaspipeline Nord Stream 1 ist zu einem politischen Spielball geworden. Solange keine Deeskalation im Konflikt zwischen Russland und dem Westen absehbar ist, bleibt der Druck auf die Gaspreise hoch.

Von den stark gestiegenen Gaspreisen ist auch indirekt der Strompreis betroffen, denn rund 13 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland gehen laut dem Statistischen Bundesamt auf Gas zurück. Hier ist es fraglich, ob und wenn ja wie schnell Gas durch andere (günstigere) Energieträger substituiert werden kann. Wir gehen daher von keinem schnellen und deutlichen Rückgang der Energiepreise aus.

Darüber hinaus erhöhen weitere Sonderfaktoren das Risiko eines Anstiegs der Inflationsrate. Allein durch das Auslaufen des Tankrabats und des 9€-Tickets Ende August kommt es zu einem technischen Anstieg der entsprechenden Preiskomponenten im Warenkorb. Sofern keine alternativen Anschlussprogramme beschlossen werden, schätzen wir den positiven Inflationsbeitrag im September auf rund 0,2 beziehungsweise knapp einem Prozentpunkt.

Zusätzlicher Preisdruck auf die Energiepreise entsteht aber auch durch die geplante Gasumlage. Im Gespräch sind 1,5 bis fünf Cent pro Kilowattstunde. Nach unseren Berechnungen dürfte die Einführung der Gasumlage im Oktober je nach Höhe einen zusätzlichen Inflationsschub von 0,5 bis sogar zwei Prozentpunkte beisteuern.

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Was ergibt sich aus diesen Überlegungen für unsere Inflationsprognose?

Um die Marschrichtung der Inflationsrate bis zum Jahresende abzuschätzen, haben wir vier verschiedene Szenarien durchgerechnet:

  • Szenario 1: In unserem optimistischsten und zugleich unwahrscheinlichsten ersten Szenario unterstellen wir, dass das Preisniveau bei allen Komponenten des Warenkorbes bis zum Jahresende unverändert bleibt. In diesem Fall würde die Inflationsrate im weiteren Jahresverlauf auf 6,7 Prozent fallen und der Inflationshöhepunkt wäre im Mai tatsächlich erreicht worden.
  • Szenario 2: Sofern wir zusätzlich die technischen Einmaleffekte durch das Auslaufen des Tankrabats und des 9€-Tickets sowie die Einführung einer Gasumlage in Höhe von drei Cent pro Kilowattstunde im Oktober annehmen, klettert die Inflationsrate auf neun Prozent bevor sie wieder sinkt.
  • Szenario 3: Im nächsten Schritt verwerfen wir die Annahme, dass die restlichen Preiskomponenten der Inflationsrate stagnieren, und legen stattdessen durchschnittliche Wachstumsraten zugrunde. In diesem modifizierten Szenario steigt die Inflationsrate auf über zehn Prozent.
  • Szenario 4: Auf stolze zwölf Prozent klettert die Inflationsrate, wenn wir zusätzlich eine Erhöhung der Gaspreise um drei Cent pro Kilowattstunde unterstellen.

Natürlich sind die Prognosen mit Unsicherheit behaftet. Exogene Ereignisse wie eine weitere Eskalation oder Deeskalation im Ukraine-Krieg oder neue staatliche Entlassungsprogramme wie eine Alternative zum 9€-Ticket können nicht vorhergesehen werden. Zusammenfassend kommen wir aber zu dem Ergebnis, dass es trotz leichter Rückgänge der Inflationsrate in Deutschland noch zu früh für eine Entwarnung ist. Obwohl sich die Konjunktur abkühlt und die EZB die Zinswende eingeläutet hat, bleibt der Preisdruck bis zum Jahresende hoch. Die Risiken sind aufgrund der hohen Energiekosten, der geplanten Gasumlage im Oktober und des Auslaufens der staatlichen Entlastungsprogramme deutlich nach oben gerichtet.

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Simon Landt

Autor: Simon Landt

Simon Landt hat einen Bachelor der Volkswirtschaftslehre der Universität Kiel sowie einen Master in Quantitative Finance und in Quantitative Economics an der Universität Kiel und an der School of Economics and Business der Universität Ljubljana absolviert. Nach seinem einjährigen Traineeprogramm startete er als Analyst im Makro Research. Seit Oktober 2021 arbeitet Simon Landt im Makro Research zusammen mit Carsten Klude und Dr. Christian Jasperneite. Er ist spezialisiert auf Analysen des aktuellen Marktumfeldes und die Bedeutung für Aktien- und Anleihenmärkte. Seit März 2024 unterrichtet Simon Landt den Masterkurs „Portfolio- und Assetmanagement“ an der Northern Business School.

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