Höhere Zinsen (II): Welche Sektoren könnten profitieren?

Welchen Einfluss haben steigende Zinsen auf den Aktienmarkt? Wir geben Einblicke in unsere Analysen und schlagen vor, welche Sektoren für den Fall steigender Renditen (wider Erwarten) stark gewichtet werden sollten. So viel vorab: es kam bei vielen Assetklassen und Sektoren zu einem deutlichen Favoritenwechsel.

Schon in der letzten Woche haben wir uns in dieser Publikation mit dem Phänomen steigender Zinsen beschäftigt und die Wirkung auf die Aktienmärkte analysiert.

Höhere Zinsen: Eine Gefahr für den Aktienmarkt?

Können steigende Zinsen zum Spielverderber für den Aktienmarkt werden? Und was bedeutet diese Entwicklung für den Anleger? Wie sich die derzeit zu beobachtende Entwicklung…

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Vor dem Hintergrund der weiter steigenden Renditen haben wir uns entschieden, auch in diesem Beitrag das Thema in den Fokus zu nehmen. Insbesondere US-Unternehmensanleihen mussten in der vergangenen Woche größere Verluste hinnehmen, aber auch Schwellenländeranleihen verzeichneten erneut Kursverluste. Drückt man die Kursentwicklung der wichtigsten globalen Anleiheindizes über den letzten Monat in Standardabweichungen aus, liegen die meisten Märkte bei etwa minus zwei Standardabweichungen.

Renditen steigen, Anleihen verlieren an Wert

Das ist zwar noch kein Ausmaß, bei dem man von einem Crash sprechen kann, doch würde man einen Fehler begehen, dies auf die leichte Schulter zu nehmen. Schließlich ist der Anstieg der Renditen nicht eine irrationale Laune des Marktes, sondern hat einen handfesten Hintergrund. So steigen seit einigen Monaten neben den schon in der letzten Woche thematisierten Basiseffekten die Inflationserwartungen, da sich zum einen in der Lieferkette Engpässe bei vielen Vorprodukten aufgebaut haben und zum anderen mit einem massiv anspringenden Konsumverhalten zu rechnen ist, sobald die Lockdowns und Corona-bedingten Beschränkungen in der westlichen Welt zu einem Ende kommen.

Höhere Inflationsrate wahrscheinlich

Zusammen mit einer stark steigenden Geldmenge und einer extrem expansiven Fiskalpolitik wäre es fast verwunderlich, wenn es nicht zu einer temporär höheren Inflationsrate käme. Auch eine graduelle Verbesserung des Arbeitsmarktes trägt zu erhöhten Inflationserwartungen bei, zumal nicht davon auszugehen ist, dass sich Notenbanken von ihrer expansiven Geldpolitik abbringen lassen, nur, weil die Inflationsrate droht, etwas anzusteigen.

Ganz im Gegenteil: Vor allem die US-Notenbank hat wiederholt darauf verwiesen, dass ihr der Arbeitsmarkt wichtiger ist als die Bekämpfung der Inflation. Nun wird es allerdings ein wenig kompliziert.

Warum steigen Renditen bei steigenden Inflationsraten?

Die Antwort: Marktteilnehmer erwarten steigende Leitzinsen und preisen daher diese schon mit steigenden Renditen ein. Die Leitzinsen werden aber auf absehbare Zeit nicht steigen, sodass der aktuelle Renditeanstieg eher als ein Paradoxon der extrem expansiven Geldpolitik zu verstehen ist.

Geht der Anstieg der Renditen weiter?

Aus unserer Sicht spricht deshalb viel dafür, dass ein Großteil des Renditeanstieges schon hinter und nicht vor uns liegt. Trotzdem kann nicht negiert werden, dass der Renditeanstieg an den Märkten erhebliche Spuren hinterlassen hat.


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Was bedeutet diese Entwicklung für den Aktienmarkt?

So ist es bei vielen Assetklassen und Sektoren zu einem deutlichen Favoritenwechsel gekommen. In Folge des Renditeanstieges haben auch die Aktien vieler Schwellenländer nachgegeben, während zyklische Sektoren und Rohstoffe deutlich zulegen konnten. Wie zu erwarten haben sich in diesem Umfeld auch klassische Industriewerte und Banken besser entwickelt als beispielsweise Aktien aus dem Technologiebereich. Wenn sich der Renditeanstieg der letzten Wochen ungemindert fortsetzen würde (was wir nicht erwarten), wäre man vermutlich mit einer Sektorallokation, die in den letzten Jahren gut funktioniert hätte, nicht mehr gut beraten.

Welche Sektorallokation sollte man in diesen Zeiten anstreben?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir eine statistische Auswertung anhand der größten 1200 Aktien in Europa vorgenommen – wenn sich der Renditeanstieg wider Erwarten fortsetzt.

  1. Als Zeitraum wählten wir die letzten zehn Jahre, wobei ein längerer Untersuchungszeitraum zu keinen signifikant anderen Ergebnissen geführt hätte.
  2. Um präzise Aussagen treffen zu können, ordneten wir die 1200 Aktien nicht den 10 oder 19 Sektoren auf der Oberebene der üblichen Sektorklassifikation zu, sondern den 146 Subsektoren auf der granularen Industriegruppenebene.
  3. In einem nächsten Schritt haben wir für jede einzelne Aktie die Elastizität gegenüber der Rendite von Bundesanleihen mit einer Restlaufzeit von zwei und zehn Jahren gerechnet. Statistisch gesprochen wurde die prozentuale Veränderung des Kurses mit der Veränderung der Rendite in Prozentpunkten im Rahmen einer Regressionsanalyse erklärt; der Koeffizient der Regression ist dann das Maß für die Elastizität.
  4. Um die Ergebnisse allerdings besonders robust zu gestalten, wurden zuvor alle Renditen aller Aktien auf Ausreißer überprüft und so gekappt, dass man nicht Gefahr läuft, unternehmensspezifische Entwicklungen fälschlicherweise als grundsätzliche Zusammenhänge zu interpretieren.
    Trotzdem ergeben sich bei einigen Aktien auch nach dieser Korrektur Werte für Elastizitäten, die unplausibel niedrig oder hoch liegen und ebenfalls nahelegen, dass es sich hier um einen statistischen Ausreißer handelt, der ökonomisch nicht sinnvoll interpretiert werden kann. Auch hier haben wir den Datensatz um Ausreißer bei den Elastizitäten bereinigt, indem wir Werte ab einer bestimmten Grenze nach unten und oben gekappt haben.
  5. Anhand dieses „robusten“ Datensatzes berechneten wir nun in einem nächsten Schritt die Mittelwerte der Elastizitäten für alle 146 Industriegruppen und überführten diese in Quantilsränge.

Wer profitiert von steigenden Zinsen?

Sektoren wie beispielsweise Health Care Misc., Health Care REITs, Sugar etc. leiden unter steigenden Renditen, während andere Sektoren, wie u. a. Machinery Tools, Aluminium, Chem. & Syn. Fibers von steigenden Renditen profitieren.

Besteht also das Szenario für einen Anleger darin, dass Renditen auch in den kommenden Monaten deutlich steigen, wäre eine sektorale Reallokation in Richtung zyklischer Aktien mehr als angebracht.

Die Ergebnisse sprechen jedenfalls eine eindeutige Sprache und sind fast lehrbuchmäßig: sie sind derart eindeutig, dass sie keinen Zweifel zulassen.

Wer eine klare Meinung zum Thema Renditeanstieg hat, begeht einen echten handwerklichen Fehler, wenn er seine sektorale Allokationsstruktur nicht daraufhin ausrichtet.

Es erscheint jedenfalls nahezu ausgeschlossen, dass unsere Ergebnisse ein Zufallsergebnis sind – dafür sind sie zum einen statistisch viel zu signifikant und zum anderen auch ökonomisch viel zu logisch, als dass sie auf die leichte Schulter genommen werden könnten.

Diese Sektoren sollten bei steigender Inflationsrate gemieden werden

Wir haben diese Analyse allerdings nicht auf Renditen beschränkt, sondern auch überprüft, welche Sektoren gemieden oder übergewichtet werden sollten, wenn die Inflationsrate stark ansteigt. Vordergründig könnte man vermuten, dass das Ergebnis ähnlich ausfällt, doch das ist nur bedingt der Fall. Da die Inflationsrate nicht perfekt mit Renditen von Anleihen korreliert, wäre es auch verwunderlich, wenn es eine perfekte Korrelation zwischen den beiden Elastizitäten gäbe.

Wer aber neben stark steigenden Renditen eine stetig steigende Inflationsrate erwartet, sollte vor dem Hintergrund unserer Berechnungen vor allem auf folgende Sektoren setzen: Metal Fabricating, Cement, Recreational Vehicles, Oil Equipment & Svs., Offshore Drill & Svs., Agricult. Machinery, Integrated Oil & Gas, Gas Distribution, Auto Services, Diversified Materials sowie Food & Grain Products.

An dieser Stelle sei aber auch noch einmal erwähnt, dass unser Hauptszenario nicht aus weiter anhaltend stark steigenden Renditen und Inflationsraten besteht.


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Christian Jasperneite

Autor: Dr. Christian Jasperneite

Dr. Christian Jasperneite studierte an der Universität Passau VWL und promovierte anschließend an der Universität Passau am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Harvard University begann er im Jahr 2000 als Analyst im Makro-Research von M.M.Warburg & CO. Seit Anfang 2009 ist Dr. Jasperneite Chief Investment Officer bei M.M.Warburg & CO und verantwortet dort u.a. Fragen der strategischen und taktischen Allokation sowie der Portfoliokonstruktion und der Produktentwicklung.

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