Historischer Konjunkturabsturz, aber kräftige Erholung in Sicht

Im zweiten Quartal kam es in vielen Ländern (Ausnahme China) zu einem beispiellosen und historisch fast einmaligen Konjunktureinbruch. Auch wenn erst knapp ein Dutzend Länder ihre Zahlen für das Bruttoinlandsprodukt veröffentlicht haben, sind diese atemberaubend.

Wirtschaftlicher Einbruch in der Eurozone

In der Eurozone war der wirtschaftliche Einbruch zwischen April und Juni mit einem annualisierten BIP-Rückgang von 40 Prozent noch ausgeprägter als in den USA, wo ein Minus von knapp 33 Prozent verzeichnet wurde. Besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wurden die Länder in Südeuropa: In Spanien kam es zu einem wirtschaftlichen Einbruch von fast 56 Prozent, in Portugal von 45 Prozent und in Italien von 41 Prozent.

Wirtschaftlicher Einbruch in den USA

Viele Ökonomen und Marktteilnehmer sind davon ausgegangen, dass die US-Wirtschaft im zweiten Quartal stärker als die europäische leiden würde, weil in Europa der wirtschaftliche Lockdown schon im März begonnen hatte und viele Länder im Laufe des Mai die wirtschaftlichen Einschränkungen wieder lockerten, nachdem die Wachstumsrate der täglichen Neuinfektionen ihren Höhepunkt überschritten hatte. Dagegen verbreitete sich das Coronavirus in den USA erst ab Mitte April stärker als in Europa, sodass Einschränkungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben dort später begannen und auch weniger stringent umgesetzt wurden als bei uns.

Wie wird es mit der Wirtschaft nun weitergehen?

Konjunkturelle Frühindikatoren haben sich erholt

Fast alle wichtigen konjunkturellen Frühindikatoren haben im Mai ihren Tiefpunkt durchschritten und sich seitdem erholt. In Deutschland gilt dies beispielsweise für den Ifo-Geschäftsklimaindex, die Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor oder die ZEW-Konjunkturerwartungen.

Auch realwirtschaftliche Daten haben aufgeholt

Diese Entwicklung wird bestätigt von vielen realwirtschaftlichen Daten, die im Mai und Juni (aktuellere Zeitreihen liegen noch nicht vor) einen guten Teil der im März und April entstandenen Verluste aufgeholt haben. Die deutschen Einzelhandelsumsätze lagen im Mai und Juni sogar schon wieder über dem Vorkrisenniveau, was in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass die Konsumenten dank der umfangreich in Anspruch genommenen Kurzarbeitsregelungen ihre Einkommen vergleichsweise stabil halten konnten.

Firmen noch nicht erholt?

Allerdings entfällt auf die Einzelhandelsumsätze nur ein Anteil von rund einem Drittel am gesamten privaten Verbrauch, der im zweiten Quartal sehr unter der Schwäche der konsumnahen Dienstleistungen (Restaurants und Hotels sowie Reisen) litt.

Im Unterschied zu den Konsumenten, deren wirtschaftliches Verhalten sich mehr und mehr normalisiert, sind die Firmen noch ein ganzes Stück weit entfernt von der Vor-Corona-Situation.

Dennoch gibt es auch hier einige Lichtblicke

So hat sich der Auftragseingang der deutschen Unternehmen im Mai und vor allem im Juni deutlich erholt, da unter anderem die inländischen Bestellungen für Investitionsgüterhersteller im Juni geradezu explodiert (+66 Prozent gegenüber Mai) sind. Alles in allem liegen die Aufträge nur noch um gut 12 Prozent unter dem Niveau vom Jahresbeginn.

Was machen Wirtschaftsdaten in den USA?

Ähnlich positiv entwickeln sich die Wirtschaftsdaten in den USA – trotz der Tatsache, dass die zeitweise deutliche Zunahme der Corona-Infizierten in den bevölkerungsreichen und damit für die US-Wirtschaft besonders wichtigen Bundesstaaten Kalifornien, Florida und Texas zu erneuten wirtschaftlichen Beeinträchtigungen geführt hat. Für den Monat Juli liegen zwar bislang nur wenige Konjunkturdaten vor, doch haben sich Frühindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes weiter erholt.

Bremsspuren gab es dagegen am Arbeitsmarkt.

Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe sind im Juli wieder leicht angestiegen, unter anderem weil sich in Kalifornien und Texas wieder mehr Menschen arbeitslos gemeldet haben.

US-Mobilitätsindex entwickelt sich positiv

Da die Infektionszahlen in den USA aber seit rund 14 Tagen eine abnehmende Zuwachsrate zeigen, dürften keine zusätzlichen wirtschaftlichen Beschränkungen ergriffen werden, eventuell werden einige Maßnahmen auch wieder gelockert. Echtzeitdaten zur Konjunkturlage in den USA, die vom Unternehmen Ninth Decimal erhoben werden, zeigen, dass sich der wöchentliche wirtschaftliche Mobilitätsindex von Ende Juni bis Ende Juli zwar etwas abgeschwächt, in der ersten August-Woche aber wieder positiv entwickelt hat.

Vor allem in Shopping Malls und Restaurants wurden wieder steigende Besucherzahlen registriert.

Wir gehen daher davon aus, dass sich die US-Wirtschaft weiter erholen wird.

Die Juli-Daten zeigen, dass die US-Wirtschaft im Moment mit einer Rate von etwa 3,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal wächst; auf das Jahr hochgerechnet entspricht dies einem Plus von 14 Prozent.

Setzt sich die Erholung wie von uns erwartet fort…

dann dürfte es im dritten Quartal zu einem Wachstum von fünf Prozent gegenüber dem Vorquartal bzw. von annualisiert 20 Prozent kommen. Für das Gesamtjahr 2020 halten wir einen Rückgang beim realen US-BIP von 4,4 Prozent für wahrscheinlich.

Für die deutsche Wirtschaft rechnen wir mit einem ähnlichen Verlaufsmuster:

Einer V-förmigen Konjunkturerholung im dritten Quartal mit etwas schwächeren Zuwachsraten in der Folgezeit, sodass wir für 2020 ein Minus der realen Wirtschaftsleistung von 6,4 Prozent erwarten.

Börsen haben noch weiteres Potential

Bessere Konjunkturdaten und eine expansive Geld- und Fiskalpolitik sind ein Mix, der den Aktienmärkten weiteren Rückenwind verleihen sollte. Trotz der bereits stattgefundenen starken Kurserholung und der damit verbundenen hohen Bewertung haben die Börsen noch weiteres Potenzial. Aufgrund der dynamischeren Konjunkturerholung sollten US-Aktien weiter die Nase vorn haben.

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Carsten Klude

Autor: Carsten Klude

Carsten Klude studierte nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank VWL mit Schwerpunkt Ökonometrie in Kiel. 1996 kam er zu M.M.Warburg & CO, für die er zunächst die europäischen Kapitalmärkte analysierte und später mit der Leitung des Makro-Research betraut wurde. Seit dem Jahr 2009 ist Herr Klude Mitglied im Investmentrat von M.M.Warburg & CO und verantwortet seit dem Sommer 2013 das Asset Management der Bank. Zusätzlich ist Herr Klude seit dem Jahr 2010 Mitglied im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken e.V., dessen Vorsitz er von 2015 bis 2018 inne hatte.

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