Droht eine Lohn-Preis-Spirale in den USA und in Deutschland?

Wie nachhaltig die aktuelle Entwicklung ist und ob die Inflationsraten auf diesem hohen Niveau bleiben werden, hängt unmittelbar mit der Verfassung des Arbeitsmarktes und der Frage zusammen, inwieweit Arbeitnehmer höhere Lohnforderungen durchsetzen können. Eine stark ausgeprägte Lohn-Preis-Spirale dürfte Notenbanken dazu veranlassen, eine restriktivere Zinspolitik zu beschließen, wodurch sich der Gegenwind für die Konjunktur sowie Finanzmärkte erhöht.

Mit der Aussage „lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit“ ist Helmut Schmidt bis heute bei vielen in Erinnerung geblieben. Mit seiner Auffassung, dass es einen Trade-Off zwischen der Preisdynamik und der Arbeitslosigkeit gebe, griff der ehemalige Bundeskanzler das ökonomische Konzept der Phillips-Kurve auf. Die Idee dahinter ist, dass ein Wirtschaftsaufschwung, der zu einer sinkenden Arbeitslosenquote führt, die Arbeitsnachfrage erhöht und damit Aufwärtsdruck auf die Löhne und Gehälter ausübt. Gewinnmaximierende Unternehmen versuchen im Gegenzug, einen Teil der Lohnsteigerungen durch Preiserhöhungen an die Konsumenten weiterzugeben. Diese fordern im Gegenzug wieder höhere Löhne, sodass die unter Ökonomen gefürchtete Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt.

Aktuell liegen die Inflationsraten auf Rekordniveaus

Spätestens nach der globalen Finanzkrise verlor das Konzept der Phillips-Kurve jedoch seine Bedeutung. Der Preisdruck durch den internationalen Wettbewerb (Globalisierung) sowie ein konjunkturell stabiles Umfeld – nicht zuletzt aufgrund der expansiven Impulse der Geld- und Fiskalpolitik – ermöglichten eine Phase, die durch niedrige Inflationsraten und gleichzeitig geringe Arbeitslosigkeit charakterisiert war.

Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie verdichten sich allerdings die Anzeichen, dass diese Phase sein vorläufiges Ende gefunden hat. Aktuell liegen die Inflationsraten auf Rekordniveaus (USA: 8,3 Prozent, Deutschland: 7,4 Prozent), während die Arbeitslosenquoten neue Tiefstände erreichen (USA: 3,6 Prozent, Deutschland 5,0 Prozent). Damit werfen die jüngsten Daten die Frage auf, ob die Phillips-Kurve womöglich ihr Comeback feiert und Notenbanker sowie Politiker sich wieder dem Trade-Off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation widmen müssen.

Wie nachhaltig ist die aktuelle Entwicklung?

Und bleiben die Inflationsraten auf diesem hohen Niveau? Das hängt unmittelbar mit der Verfassung des Arbeitsmarktes und der Frage zusammen, inwieweit Arbeitnehmer höhere Lohnforderungen durchsetzen können. Eine stark ausgeprägte Lohn-Preis-Spirale dürfte Notenbanken dazu veranlassen, eine restriktivere Zinspolitik zu beschließen, wodurch sich der Gegenwind für die Konjunktur sowie die Finanzmärkte erhöht. Sollten die Zweitrundeneffekte jedoch schwach ausfallen, sodass die Inflationsraten schneller als erwartet zu ihren Zielwerten zurückkehren, dürfte an den Kapitalmärkten aufgeatmet werden.

Ein erster Blick auf die Eckdaten des US-Arbeitsmarktes sollte Politiker und Ökonomen erfreuen: Die Arbeitslosenquote erreichte mit zuletzt 3,6 Prozent historische Tiefstände und auch das aktuelle Beschäftigungsniveau von rund 151,3 Millionen Personen liegt nur knapp unter dem Vor-Corona-Niveau von 152,5 Millionen Personen.

Ferner zeigen Daten zur Unterstützung von Arbeitslosen eine erfreuliche Tendenz: Zum einen befindet sich die Anzahl der wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe auf einem historisch niedrigen Niveau, und zum anderen ist die Zahl der Personen, die Arbeitslosenunterstützung erhalten, auf 1,344 Millionen gesunken.

Im Vergleich: Zu Corona-Hochzeiten belief sich die Zahl auf 25 Millionen und vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie erhielten im Schnitt mindestens 1,6 Millionen Amerikaner Arbeitslosenunterstützung. Obwohl diese Daten die konjunkturell tadellose Verfassung des US-Arbeitsmarktes unterstreichen, werden diese von Ökonomen und Marktteilnehmern als Warnsignale interpretiert:

Die befürchtete Lohn-Preis-Spirale scheint in den USA bereits im vollen Gang zu sein.

So ist der Arbeitskostenindex im ersten Quartal 2022 im Vergleich zum Vorjahreszeitrum um 4,5 Prozent angestiegen – das stellt den höchsten Zuwachs seit über 20 Jahren dar. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der Atlanta Fed Wage Tracker, der auf Basis von Bevölkerungsumfragen die Nominallohnentwicklung amerikanischer Arbeitnehmer misst. Auf Basis der Monatsdaten ist ein deutlicher Lohnanstieg seit Mitte des letzten Jahres zu beobachten. Dabei fällt der Lohnanstieg mit 7,2 Prozent besonders hoch bei Arbeitnehmern aus, die ihren Arbeitgeber wechseln. Arbeitskräfte, die bei ihrem Arbeitgeber bleiben, verzeichnen mit 5,3 Prozent einen relativ geringeren Lohnanstieg.

Der besonders hohe Lohnanstieg bei den Jobwechslern ist auch auf das Missverhältnis zwischen Arbeitslosen und offenen Stellen zurückzuführen. Dabei ist das aktuelle Verhältnis frappierend: Im Schnitt stehen 100 ausgeschriebenen offenen Stellen lediglich 50 arbeitslos gemeldete Menschen gegenüber – der historische Mittelwert seit 2001 liegt bei rund 228 Arbeitslosen.

Darin zeigt sich einerseits, dass Unternehmen aktuell Schwierigkeiten haben, qualifiziertes Personal zu finden und einzustellen. Andererseits stärkt das auffällige Missverhältnis zwischen Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot die Verhandlungsposition derjenigen, die einen Job wechseln oder ein Beschäftigungsverhältnis erneut aufnehmen wollen.

Unter welchen Umständen könnte die Lohn-Preis-Spirale verlangsamt werden?

Zum einen würde ein Anstieg der Erwerbsquote, also der Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, das Arbeitsangebot erhöhen und helfen, das Missverhältnis zwischen Arbeitslosen und offenen Stellen abzubauen. Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie haben sich vor allem ältere Bevölkerungsgruppen aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen. Sollten die Ersparnisse dieser Bevölkerungsgruppe für einen vorzeitigen Ruhestand jedoch nicht ausreichen und die hohe Inflation die reale Kaufkraft erheblich mindern, wäre mit einem Anstieg der Erwerbsquote und ceteris paribus einer leichten Entspannung am US-Arbeitsmarkt zu rechnen.

Andererseits würde ein Rückgang der Nachfrage nach Arbeit seitens der Unternehmen für eine Entlastung sorgen. Im besten Fall wäre der Rückgang der Arbeitsnachfrage auf einen Anstieg der Arbeitsproduktivität – zum Beispiel durch technologischen Fortschritt – zurückzuführen. Im schlechteren Fall würde ein konjunktureller Einbruch den Ausblick der Unternehmen eintrüben und zu einer geringeren Arbeitsnachfrage oder gar Entlassungen führen. Letzteres würde zwar den Preisdruck reduzieren, wäre aber sicher nicht im Interesse von Helmut Schmidt.

Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt

Während in den USA die Lohn- und Gehaltssteigerungen bereits im vollen Gange sind, sieht die Situation am deutschen Arbeitsmarkt (noch) entspannt aus. Monatsdaten der Deutschen Bundesbank zeigen, dass sich bislang keine überdurchschnittlichen Lohnsteigerungen zeigen. Der rollierende Mittelwert über die letzten zwölf Monate belief sich im Februar 2022 auf 1,9 Prozent und lag damit unter seinem historischen Mittelwert seit 2000 von 2,1 Prozent.

Ein Blick auf die Quartalsdaten des Statistischen Bundesamts zeigt ein etwas anderes Bild. Hier lagen die Nominallohnsteigerungen im vierten Quartal 2021 – aktuellere Daten sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht verfügbar – mit 3,6 Prozent über dem Durchschnitt seit 2008 in Höhe von 2,2 Prozent.

Die jüngsten Tarifverhandlungen zeigen wiederum eine verhaltene Entwicklung. Im Durchschnitt stiegen die Tarifverdienste 2021 um 1,3 Prozent gegenüber dem Jahresdurchschnitt 2020, was der geringste Zuwachs seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2010 ist. Der schwache Anstieg ist teils damit zu begründen, dass 2020 Corona-Prämien gezahlt wurden, die 2021 wegfielen.

Zahl der Arbeitslosen ist in Deutschland deutlich zurückgegangen

Ähnlich wie in den USA ist seit der Corona-Hochphase im April 2020 die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland deutlich zurückgegangen, während die Zahl der offenen Stellen erheblich zugenommen hat. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wurden im ersten Quartal 2022 noch nie so viele unbesetzte Stellen verzeichnet. Mit einem Anstieg um 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitrum vergrößerte sich die Anzahl der offenen Stellen im ersten Quartal 2022 auf insgesamt 1,74 Millionen Menschen – der höchste Wert seit Beginn der Messung im Jahr 1989. Damit kamen laut IAB im ersten Quartal auf 100 ausgeschriebene offene Stellen rund 140 arbeitslos gemeldete Menschen. Im Vergleich zu den USA fällt das Missverhältnis zwischen Arbeitslosen und offenen Stellen aber nicht so dramatisch aus.


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Ist damit das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale in Deutschland überschaubar?

Tatsächlich sind bei der Beantwortung dieser Frage die Anhebungen des Mindestlohnes in Deutschland in diesem Jahr zu berücksichtigen. Zum 1. Juli 2022 erhöht sich der Mindestlohn von 9,82€ pro Stunde auf 10,45€ – ein Anstieg um 6,4 Prozent. Ab dem 1. Oktober ist dann eine weitere Erhöhung auf 12€ pro Stunde geplant.

Laut der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) würden 8,6 Millionen Menschen profitieren – das entspricht rund 19% aller Beschäftigten. Moderate Lohnanpassungen, die allerdings weit unter der aktuellen Inflationsrate von 7,4 Prozent liegen, gab es in diesem Jahr bei den Tarifabschlüssen im Bankgewerbe (2022: drei Prozent), in der Druckindustrie (2022: zwei Prozent) sowie im Versicherungsgewerbe (2022: drei Prozent) – diese moderaten Tarifanpassungen betrafen aber lediglich 1,3 Prozent aller Beschäftigten. Weitere Tarifverhandlungen stehen in diesem Jahr für die Chemieindustrie, Eisen- und Stahlindustrie sowie Metall- und Elektroindustrie an. Dabei vereinen die drei Sektoren rund 9,9 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland.


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Fazit: Lohnsteigerungsdynamik in Deutschland vs. in den USA

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die Lohn-Preis-Spirale in den USA in vollem Gange ist. Damit erhöht sich das Risiko, dass die Inflation durch Zweitrundeneffekte länger auf einem höheren Niveau bleibt und die Federal Reserve eine aggressivere Geldpolitik einschlagen muss.

Zu der starken Lohnentwicklung ist es trotz des geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrads in Höhe von 10,3 Prozent gekommen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad misst das Verhältnis zwischen der Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder und der Zahl der erwerbstätigen Arbeitnehmer.

Im Falle des US-Arbeitsmarktes gelang es den Arbeitnehmern durch dezentrale Lohnverhandlungen deutlich schneller und flexibler auf das gestiegene Preisniveau zu reagieren und ihre gestärkte Verhandlungsposition durchzusetzen. Aufgrund der schlechteren Datenverfügbarkeit in Deutschland ist die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale schwieriger einzuschätzen, allerdings scheint die Lohnsteigerungsdynamik in Deutschland im Vergleich zu den USA nicht so weit fortgeschritten zu sein. Jedoch dürfte der künftige Lohndruck durch die anstehenden Tarifverhandlungen und Mindestlohnerhöhungen in diesem Jahr zunehmen.

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Simon Landt

Autor: Simon Landt

Simon Landt hat einen Bachelor der Volkswirtschaftslehre der Universität Kiel sowie einen Master in Quantitative Finance und in Quantitative Economics an der Universität Kiel und an der School of Economics and Business der Universität Ljubljana absolviert. Nach seinem einjährigen Traineeprogramm startete er als Analyst im Makro Research. Seit Oktober 2021 arbeitet Simon Landt im Makro Research zusammen mit Carsten Klude und Dr. Christian Jasperneite. Er ist spezialisiert auf Analysen des aktuellen Marktumfeldes und die Bedeutung für Aktien- und Anleihenmärkte. Seit März 2024 unterrichtet Simon Landt den Masterkurs „Portfolio- und Assetmanagement“ an der Northern Business School.

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