Der Ukraine-Konflikt eskaliert: Kommt die UdSSR 2.0?

Seit Montagnacht überschlagen sich die Ereignisse im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Mittwoch hat der russische Präsident Putin den Befehl zur Invasion der Ukraine gegeben. In unserem aktuellen Flash Report ordnen wir die aktuelle Situation ein. Was bezweckt Russland mit seinem Angriff auf das Nachbarland? Welche ökonomischen Konsequenzen hat der Konflikt für den Westen? Wie sollten Anleger reagieren?

Nach wochenlangen Versuchen, den sich immer weiter zuspitzenden Streit zwischen Russland und der Ukraine auf diplomatischem Wege zu entschärfen, hat der russische Präsident Putin Fakten geschaffen: Mit der Anerkennung der Unabhängigkeit der ostukrainischen Separatistengebiete Donezk und Luhansk von der Ukraine und der Ankündigung, „Friedenstruppen“ in beide Regionen zu entsenden, zerschlugen sich die Hoffnungen auf eine friedliche Lösung des Konflikts.

Die Invasion der Ukraine hat begonnen

Der offenkundige Bruch der Minsker Verträge sowie des Völkerrechts durch Russland kam bereits einer Teilbesetzung der Ukraine durch russische Truppen gleich. In der Nacht auf Donnerstag hat Putin zudem den Befehl zur Militärintervention in der Ukraine gegeben; die Invasion der gesamten Ukraine hat begonnen, und die ersten Truppen scheinen schon vor Kiew zu stehen.

Die eiskalte Präzision, mit der Putin seit Wochen generalstabsmäßig agiert, scheint fast einem Drehbuch entsprungen zu sein. Und vermutlich wird in diesem Drehbuch stehen, dass die demokratisch gewählte Regierung der Ukraine in den kommenden Tagen durch eine russische Marionettenregierung ersetzt werden wird. Eine Ungeheuerlichkeit in einem zunehmend westlich orientierten Land, das nur zehn Autostunden von Berlin entfernt ist. Der russische Präsident glaubt tatsächlich, dass die Ukraine nicht ein x-beliebiger Nachbarstaat ist, sondern aufgrund seiner Geschichte – zumindest laut Putins Interpretation – ein integraler Bestandteil Russlands und der russischen Kultur ist.

Vor 100 Jahren entstand die UdSSR

Es mag ein Zufall sein, dass vor hundert Jahren, am 30. Dezember 1922, die UdSSR gegründet wurde, ein Zusammenschluss der bis dahin eigenständigen Staaten Russland, Ukraine, Weißrussland und Transkaukasien (dem heutigen Armenien, Georgien und Aserbaidschan).

Vielleicht schwebt Putin vor, pünktlich zum großen Geburtstag die UdSSR 2.0 ins Leben zu rufen?

Es sieht jedenfalls danach aus, dass Putins Russland nicht Teil der heutigen internationalen Ordnung sein möchte, sondern sie in seinem Sinne auseinandernehmen und neu zusammensetzten will. Weitere Annexionen früherer Sowjetrepubliken sind somit nicht auszuschließen. Leider muss man sich im Westen heute eingestehen, dass Putin eben nicht der erhoffte, vernünftige geopolitische Partner ist, sondern ein totalitärer Despot, der das Rad der Geschichte zurückdrehen möchte. Wenn dem so ist, und vieles spricht aus heutiger Sicht dafür, droht ein neuer Kalter Krieg zwischen Ost und West.

Droht ein Übergriff auf andere Staaten?

Die jüngsten Ereignisse sind vor allem eine humanitäre Katastrophe. Aus Anlegersicht stellt sich aber die Frage, welche ökonomischen Implikationen sich aus diesem Konflikt ergeben, denn vor allem davon hängt die weitere Entwicklung der Kapitalmärkte ab. Allerdings kann niemand im Moment genau vorhersagen, wie sich die Situation zwischen Russland und der Ukraine entwickelt. Wir gehen nicht von einem Übergreifen der Kriegshandlungen auf andere osteuropäische Staaten aus, weil wir uns nicht vorstellen können (und wollen), dass es Putin auf eine bewaffnete Auseinandersetzung mit der NATO anlegt. Zudem lassen auch die Äußerungen Putins nicht darauf schließen, dass er dies planen würde – ganz im Gegenteil zu Belarus, das aus Sicht Putins ebenfalls „zurück ins Reich“ geholt werden müsse.

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Russland-Ukraine-Konflikt?

Glücklicherweise ist die derzeitige wirtschaftliche Lage bei uns und in vielen anderen Ländern sehr robust: Die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen des Corona-Virus treten immer weiter in den Hintergrund, die finanzielle Situation der meisten Privathaushalte und der Unternehmen ist solide. Ein drohender ökonomischer Schock aufgrund stark steigender Öl- und Gaspreise oder auch anderer Rohstoffpreise, dürfte – solange er nur kurzzeitig auftritt – wenig Schäden anrichten. Sollten die Preise aber massiv und längerfristig ansteigen oder sollte die Energieversorgung beeinträchtigt werden, würde die Wirtschaft jedoch stärker in Mitleidenschaft gezogen werden. Ausgeschlossen ist das nicht.

Die Gas-Abhängigkeit von Russland

Sollten die Pipelines in der Ukraine im Rahmen von Kampfhandlungen beschädigt oder absichtlich zerstört werden, gäbe es ein ernsthaftes Versorgungsproblem in Deutschland und Europa. Das gilt auch für den Fall, dass Russland als Reaktion auf westliche Sanktionen den Gashahn zudreht. Denn Deutschland bezieht etwa 55 Prozent seines Gases aus Russland, in Europa sind es etwa 47 Prozent.

Man muss und kann es nicht schönreden. Angesichts vieler stillgelegter Kern- und Kohlekraftwerke in Deutschland und sehr vieler in Wartung befindlicher Kernkraftwerke in Frankreich führt ein Ausfall des Hauptgaslieferanten zu einer großen Versorgungsunsicherheit bei Strom. Gleichzeitig könnte auch die chemische Industrie in Schwierigkeiten geraten, denn ein Ersatz solch gewaltiger Mengen an Gas dürfte kurzfristig schwer zu beschaffen sein.

Wahrscheinlich können die Fördermengen in Norwegen und Nordafrika leicht erhöht werden; auch die Lieferung von US-Flüssiggas könnte dazu beitragen, die Engpässe zu verringern. Ein kompletter Ersatz innerhalb weniger Monate erscheint jedoch fast ausgeschlossen. Entscheidend ist die Frage, mit welcher Eintrittswahrscheinlichkeit man ein solches Szenario versieht.

Ein rational ökonomisch agierendes Russland hätte nicht den Hauch eines Interesses, es so weit kommen zu lassen. Die Aktionen Putins der letzten Tage lassen aber erkennen, dass eine ökonomische Rationalität im Handeln nicht automatisch unterstellt werden kann. Daher veranschlagen wir die Wahrscheinlichkeit eines temporären Ausfalls russischer Gaslieferungen in den kommenden Monaten auf mindestens zehn Prozent.

Ein konjunktureller Abschwung mit zumindest zeitweise sehr hohen Inflationsraten (also eine Stagflation) oder selbst eine Rezession wären dann nicht mehr auszuschließen.

Noch ist dies ist aber nicht unser Hauptszenario.

Wie hat der Westen bisher auf die Eskalation reagiert?

Die USA haben bereits am Dienstag erste Sanktionen gegen einflussreiche russische Personen und Familien, die zum inneren Zirkel Putins gehören, sowie gegen einige Banken auf den Weg gebracht. Zudem wird der Handel mit russischen Staatsanleihen, die ab dem 1. März ausgegeben werden, auf dem Sekundärmarkt verboten.

Auch die Bundesregierung hat reagiert und die Zertifizierung der Nord Stream 2 Pipeline gestoppt. Dies bedeutete allerdings noch nicht das endgültige Aus russischer Gaslieferungen nach Deutschland, sondern zielte darauf ab – ebenso wie die anderen bisher beschlossenen Sanktionen, mit denen längst noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden – Russland wieder an den Verhandlungstisch zurückzubringen. Da dies nun obsolet geworden ist, werden die westlichen Länder weitere Maßnahmen beschließen. So könnte Russland beispielsweise vom internationalen Zahlungssystem Swift ausgeschlossen werden. Demnach wären alle russischen Finanzinstitutionen vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten. Allerdings hätte ein solcher Ausschluss nicht nur für Russland negative Folgen.

So würden russische Unternehmen nicht mehr ihre Schulden bei westlichen Banken begleichen können, und der gesamte Handel zwischen westlichen und russischen Unternehmen würde wahrscheinlich zum Erliegen kommen. Darunter würde auch der sonst zu erwartende Ausfuhrstopp von wichtigen Technologiegütern nach Russland fallen. Zudem könnte russisches Öl und Gas nicht mehr bezahlt werden, sodass mit einer Einstellung der russischen Lieferungen zu rechnen wäre.

Exporte nach Russland

Die direkten negativen ökonomischen Implikationen eines Handelsembargos mit Russland sollten für die westlichen Länder beherrschbar sein. So gehen nur knapp zwei Prozent aller deutschen Exporte nach Russland; dies entspricht einem Gegenwert von rund 25 Milliarden Euro. Für die gesamte EU beträgt der Exportanteil nach Russland etwa 1,5 Prozent, und für die USA spielt der Handel mit Russland so gut wie keine Rolle: Russlands Anteil an den US-Exporten beträgt 0,3 Prozent.

Dennoch wird es spürbare wirtschaftliche Auswirkungen geben, weil nicht nur die Öl- und Gaspreise ansteigen, sondern auch die Preise anderer Rohstoffe in die Höhe schnellen werden. Die Ukraine ist die Kornkammer Europas, sodass ein anhaltender militärischer Konflikt die Lebensmittelversorgungskette beeinträchtigen würde. Zwar ist die Erntesaison noch ein paar Monate entfernt, dennoch könnte es im Herbst zu einer Getreideknappheit und zu einem Anstieg der Brotpreise kommen.


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Kapitalmarkt: Wie sollte man jetzt sein Portfolio aufstellen?

Aber auch wenn extreme Entwicklungen ausbleiben, ist das Umfeld an den Kapitalmärkten derzeit mehr als ungemütlich. Wir gehen davon aus, dass die Unsicherheit in den kommenden Tagen sehr hoch bleiben wird, weswegen wir empfehlen, das eigene Portfolio defensiver aufstellen. Der Grund liegt in der anhaltenden Unsicherheit, die die Marktteilnehmer zunächst lähmen dürfte.

Die Kapitalmärkte haben mit einem typischen „Risk-Off“-Verhalten auf die aktuellen Nachrichten reagiert. Aktienmärkte stehen unter Druck, Staatsanleihen sind als „sichere Häfen“ gesucht. Da sich der Konflikt in Europa abspielt, hat der US-Dollar an Stärke gegenüber dem Euro gewonnen. Es ist davon auszugehen, dass die Aktienmärkte zunächst weiterhin sehr sensibel auf jede neue Nachricht aus der Krisenregion reagieren werden. Jede weitere Zuspitzung wird die Kurse unter Druck setzen, mögliche diplomatische Lösungen würden für Kurserholungen sorgen.

Aber auch wenn die Fakten nun vergleichsweise klar auf dem Tisch liegen, dürften sich alle Investoren darüber den Kopf zerbrechen, wie diese zu interpretieren sind. Denn es fehlen schlichtweg gute Referenzszenarien.

Zwar hat die Welt in den letzten Jahrzehnten immer wieder mit geopolitischen Unsicherheiten zu kämpfen gehabt, doch betrafen diese selten direkt Europa. Dies alte Börsenweisheit, wonach man wieder Aktien kaufen könne, sobald die negativen Fakten auf dem Tisch liegen, ist derzeit vermutlich kein guter Ratgeber.

Auf der anderen Seite darf aber auch nicht übersehen werden, dass die aktuelle Zuspitzung der Situation zumindest die EZB zunächst davon abhalten dürfte, die Leitzinsen im laufenden Jahr anzuheben und ihre Anleihekaufprogramme komplett einzustellen. Das könnte wiederum isoliert betrachtet den Aktienmärkten Rückenwind geben, nachdem diese seit Jahresbeginn unter den Aussichten einer sich abzeichnenden restriktiveren Geldpolitik gelitten hatten.

Auch die ohnehin schon vor dem Ukraine-Konflikt sehr negative Anlegerstimmung könnte dazu beitragen, den Abwärtsdruck an den Börsen zu dämpfen, denn historische Auswertungen zeigen, dass bei einem derart hohen Grad an Skepsis, wie er zuletzt schon zu beobachten war, die Börsen auf Sicht von drei, sechs und zwölf Monaten normalerweise eine positive Wertentwicklung zeigen.

Dieser Sachverhalt erinnert daran, dass man auch an dunklen Tagen nicht den Optimismus verlieren und dementsprechend überreagieren darf. Dennoch kann es derzeit kaum Schaden, das eigene Portfolio mit Hilfe von kurzlaufenden US-Staatsanleihen oder Deep Disccountzertifikaten wetterfester zu machen.

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