„Wir erleben aktuell Zeiten wie im Aktienmarktcrash im Oktober 1987!“

Mit einem Minus von fast 3.000 Punkten und einem Minus von knapp 13 Prozent hat der Dow Jones 30 gestern den zweithöchsten Tagesverlust in seiner fast 124-jährigen Geschichte erlebt. Nimmt man noch dazu den Kurseinbruch vom vergangenen Donnerstag von Minus 10 Prozent ist das derzeitige Desaster nur noch vergleichbar mit dem Aktienmarktcrash im Oktober 1987 und den Kursverlusten im Oktober 1929. Eine Ursache für die schweren Kursverluste ist auf den Versuch der Marktteilnehmer zurückzuführen, das wahre Ausmaß des zu erwartenden ökonomischen Schadens herauszufinden und „einzupreisen“, dass das Virus und die zu seiner Eindämmung ergriffenen Maßnahmen verursachen.

Ökonomen tun sich üblicherweise sehr schwer, extreme konjunkturelle Ereignisse auch nur einigermaßen treffsicher zu prognostizieren

Das wurde u.a. gestern wieder einmal deutlich, als China die Daten zur Industrieproduktion, den Einzelhandelsumsätzen und den Investitionen für die Monate Januar und Februar veröffentlichte. Volkswirte hatten für alle drei Statistiken jeweils ein kleines Plus veranschlagt, heraus kam dagegen ein Minus von 24,5 Prozent für die Investitionen, von 13,5 Prozent für die Industrieproduktion und von 20,5 Prozent für die Einzelhandelsumsätze. Und wer weiß, wie chinesische Statistiken normalerweise zu interpretieren sind, den beschleicht das mulmige Gefühl, dass das wahre Ausmaß des wirtschaftlichen Einbruchs im Reich der Mitte noch deutlich größer ausgefallen sein könnte.

Für die Eurozone hört man bislang von offizieller Seite, dass man in diesem Jahr von einer leichten Rezession und einem Rückgang des realen BIPs von etwa einem Prozent ausgehen müsse. Unterstellt man allerdings, dass die derzeitigen Quarantänemaßnahmen nicht nur für die nächsten zwei Wochen gelten, sondern vielleicht für die kommenden zwei Monate, so wird der wirtschaftliche Schaden um ein Vielfaches größer sein. Unterstellt man beispielsweise für Deutschland für die nächsten zwei Quartale ein ähnliches konjunkturelles Verlaufsmuster wie während der Finanzmarktkrise (damals ging die Wirtschaftsleistung sogar vier Quartale in Folge zurück), könnte das reale BIP in diesem Jahr um vier Prozent zurückgehen.

Technische Faktoren sind auch für den Marktrutsch veranwortlich

Andererseits dürften auch technische Faktoren bzw. die „Marktstruktur“ für den Kursrutsch von gestern und für die sehr volatilen Tage seit dem 24. Februar verantwortlich sein. Mit Marktstruktur meinen wir, dass es immer weniger „menschliche“ Anleger gibt, die, so wie wir, auf die fundamentalen Rahmenbedingungen (wirtschaftliche Entwicklungen, Bilanzanalyse, Bewertungskennzahlen etc.) achten. Stattdessen wird das heutige Marktgeschehen von Computerprogrammen, sogenannten Algotradern, dominiert. Für viele dieser automatischen Handelssysteme ist die Volatilität des Marktes der entscheidende Faktor, der über Käufe oder Verkäufe entscheidet. In ruhigen Marktphasen mit geringen Schwankungen führt dies zu tendenziell steigenden Kursen. In unruhigen Zeiten wie heute werden Aktien dagegen mehrheitlich verkauft, völlig unabhängig von der fundamentalen Einschätzung. Steigende Volatilität bedingt also fallende Kurse, weiter zunehmende Marktschwankungen und damit noch weiter fallende Kurse; es kommt zu einer Abwärtsspirale. Dieses Marktverhalten war schon im Februar 2018 gut zu erkennen, als es zum sogenannten „Vola-Crash“ kam, bei dem die Aktienmärkte ohne erkennbaren Auslöser in die Knie gingen.

Hinzu kommt derzeit noch ein weiteres bedenkliches Phänomen: die Befürchtung, dass den globalen Notenbanken die Munition ausgeht. Jahrelang haben sich Anleger darauf verlassen, dass die Zentralbanken die Märkte mit Zinssenkungen beruhigen und stabilisieren. Nicht umsonst sprach man vom sogenannten „Greenspan-“ „Bernanke-“ oder „Draghi-Put“. Derzeit sieht es dagegen so aus, als ob der „Powell-“ bzw „Lagarde-Put“ nicht mehr funktioniert. Sowohl die beiden Notfallzinssenkungen der Federal Reserve als auch das (aus Sicht der Märkte) schwache Agieren der EZB sind an den Märkten nahezu wirkungslos verpufft.

Maßnahmen der EZB und Fed sind an den Märkten nahezu wirkungslos verpufft

Sind die Notenbanken also mit ihrem Latein am Ende? Das glauben wir nicht. Denn die Feuerkraft der Fed und der EZB sind immens, wenn die Notenbanken bereit sind, das gesamte ihnen zur Verfügung stehende Arsenal zu nutzen. So sind weitere Liquiditätsmaßnahmen denkbar, die gezielter eingesetzt werden könnten als es bislang der Fall ist, den Märkten und dem Finanzsystem unter die Arme greifen. Zwar werden auch diese Instrumente nicht das Virus eindämmen, sie können aber dafür sorgen, dass die Angst der Marktteilnehmer vor einer Kernschmelze des Finanzsystems abnimmt. So hat die Fed noch einige Pfeile im Köcher, die sie während der Finanzmarktkrise 2008/2009 eingesetzt hat, und die heute nur noch mit Zustimmung des US-Finanzministeriums reaktiviert werden können.

 

 

Heute wurde bereits eines dieser Instrumente bewilligt, die sogenannten Commercial Paper Funding Facility (CPFF), die die Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher erleichtert. Und auch die EZB kann noch wesentlich mehr tun. In der Schuldenkrise ist das sogenannten OMT-Programm (Outright Monetary Transac-tions) entwickelt worden, bei dem die EZB unter bestimmten Bedingungen Staatsanleihen von EU-Staaten in unbegrenzter Höhe aufkaufen kann. Dieses Programm ist und war zwar insbesondere in Deutschland sehr umstritten, weil es einer verbotenen Staatsfinanzierung sehr nah kommt. Jedoch haben sowohl der Europäische Gerichtshof als auch das Bundesverfassungsge-richt dieses Programm unter Auflagen gebilligt. Es gibt also durchaus noch Möglichkeiten für die Geldpolitik.

Hoffnung für die Aktienmärkte kommt derzeit aber auch noch aus einer anderen Richtung: Während das fundamentale Bild zur Zeit noch ziemlich verworren und tendenziell negativ aussieht, kommt unsere Kollege Nils Theilfarth, der bei uns für die Markttechnik zuständig ist, zu einer positiveren Einschätzung, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten:

„Der Dax hat in der jüngsten Ausverkaufsbewegung nahezu alle kurz- bis mittelfristigen Trends nach unten durchbrochen. Allerdings hat der Basisaufwärtstrend von 2003 ausgehend bislang gehalten. Bei etwa 8.050 Punkten verläuft das 50 % Korrekturniveau des vorgenannten Trends. Auf nahezu exakt diesem Niveau von 8.050 Punkten findet sich zudem das All-Time-High aus dem Jahre 2007 wieder. Aus dieser Konstellation heraus ergibt sich eine Kreuzunterstützung. Der Trendfolgeindikator RSI hat zudem auf Wochensicht mit unter 20 ein Niveau erreicht, welches selbst an den Tiefs 2003 und 2009 nicht unterschritten wurde. Aus der Kombination dieses Extremlevels und dem Rekordhoch im Volatili-tätsindex (>90) besteht die Chance für eine kräftige temporäre Gegenbewegung, welche zumindest wieder in den Bereich von 10.400 Punkten führen könnte. Dies entspricht der 38,2 % Korrektur der bisherigen Abwärtsbewegung und dem Tief des Dezembers 2018. Für einen nachhaltigen Trendwechsel sind jedoch Kurse oberhalb von 11.000 Punkten nötig.“

 

 

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Autor: Carsten Klude

Carsten Klude studierte nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank VWL mit Schwerpunkt Ökonometrie in Kiel. 1996 kam er zu M.M.Warburg & CO, für die er zunächst die europäischen Kapitalmärkte analysierte und später mit der Leitung des Makro-Research betraut wurde. Seit dem Jahr 2009 ist Herr Klude Mitglied im Investmentrat von M.M.Warburg & CO und verantwortet seit dem Sommer 2013 das Asset Management der Bank. Zusätzlich ist Herr Klude seit dem Jahr 2010 Mitglied im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken e.V., dessen Vorsitz er von 2015 bis 2018 inne hatte.

 

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