Aktienkauf: Abwarten und Tee trinken oder jetzt investieren?

Das Coronavirus hat an den Aktienmärkten tiefe Spuren hinterlassen. Anleger, die in den vergangenen Wochen nichts getan haben, befürchten, die Trendwende zu verpassen und fragen sich, ob nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die Aktienquote zu erhöhen. Ist er?

Der DAX stand vier Wochen nach Ausbruch des Virus bei 8.442 Punkten und hatte somit fast 40 Prozent verloren. Nun haben geld- und fiskalpolitische Maßnahmen sowie die Hoffnung auf eine baldige Eindämmung der Pandemie in den vergangenen vier Wochen die Kurse wieder ansteigen lassen. Der DAX notiert über der Marke von 10.000 Punkten und hat seit dem Tief wieder mehr als 20 Prozent hinzugewonnen.

Ist nun der richtige Zeitpunkt die Aktienquote zu erhöhen?

Leider kann niemand mit Gewissheit vorhersagen, ob die Kurse in der nächsten Zeit weiter steigen oder erneut fallen werden. Dazu sind die wirtschaftlichen Unsicherheiten viel zu groß. Häufig orientieren sich Aktienmärkte in solchen Phasen deswegen eher an markttechnischen Gegebenheiten. Denn die Fundamentaldaten müssen in einer Zeit, in der die Ökonomen ihre Prognosen im Wochenrhythmus anpassen und Unternehmen keine Aussagen mehr über ihre die Zukunft geben, erst einmal neu kalibriert werden.

Doch selbst wenn die fundamentale Datenlage alles andere als sicher ist, lassen sich unseres Erachtens nach mit den sich abzeichnenden ökonomischen Entwicklungen einige plausible Überlegungen anstellen.

Woher weiß man, ob Aktien jetzt attraktiv sind?

Hierzu wollen wir uns im Folgenden mit den Gewinnerwartungen sowie mit einigen Bewertungskennzahlen beschäftigen. Schließlich weisen die Gewinne einen sehr engen Gleichlauf mit der wirtschaftlichen Entwicklung auf. Und selbst wenn man derzeit noch darüber rätselt, wie scharf die Rezession ausfallen wird, gibt es einige verlässliche Indikatoren, die hierüber Auskunft geben. So zeigt beispielsweise der von der New Yorker Fed entwickelte wöchentliche Wirtschaftsindikator an, dass das US-BIP derzeit um etwa zehn Prozent unter dem Niveau des Vorjahres liegt.

Zwar hört man häufig das Argument, dass diese Rezession einen anderen Charakter habe, weil sie quasi staatlich verordnet sei.

Doch wird sich das zukünftige wirtschaftliche Geschehen deswegen tatsächlich substanziell von anderen Rezessionen unterscheiden? Wir glauben dies nicht.

So wird auch die deutsche Wirtschaft dieses Jahr eine heftige Rezession erleben;

wir rechnen mit einem Rückgang der realen Wirtschaftsleistung von gut sieben Prozent. Nachdem die Unternehmensanalysten die Gewinnerwartungen für die DAX-Unternehmen zunächst nur zögerlich nach unten angepasst haben, ist zuletzt das Skalpell durch die Axt ersetzt worden. Mit anderen Worten: die Prognosen sind deutlich reduziert worden – zumindest die für das Jahr 2020. Mitte Februar wurde für dieses Jahr noch ein Gewinn je Aktien von 930 Indexpunkten erwartet, mittlerweile sind es nur noch 724 Indexpunkte. Im selben Zeitraum sank die Prognose der 2021er Gewinne von 1050 auf 930 Punkte (Quelle: Factset). So weit, so gut.

Gründe, die für eine Rezession sprechen

Die vorgenommenen Revisionen dürften aber vermutlich bei Weitem noch nicht ausreichen. Denn für 2020 wird ein Gewinnrückgang von 13 Prozent unterstellt, dem im kommenden Jahr ein Anstieg um fast 30 Prozent folgen soll. Während die meisten Ökonomen einen „u“- oder „w“-förmigen Wirtschaftsverlauf erwarten, gehen die Unternehmensanalysten immer noch von einem „v“ aus. Auf den wahrscheinlich deutlich unterschätzten Rückgang in diesem Jahr sollen 2021 neue Rekordgewinne winken.

Das halten wir für unrealistisch, da derzeit noch gar nicht absehbar ist, ab wann sich das wirtschaftliche Leben wieder normalisiert.

Stattdessen würden wir uns eher an den Gewinneinbrüchen in Rezessionsjahren wie 1993, 2001 und 2008 orientieren. Damals sind die Unternehmensgewinne um 40 bis 60 Prozent eingebrochen. Ein Ertragsrückgang um 40 Prozent würde bedeuten, dass die DAX-Gewinne in diesem Jahr bei rund 500 Indexpunkten liegen. Dann müsste es 2021 fast zu einer Gewinnverdoppelung kommen, damit die derzeitige Konsenseinschätzung zutrifft. Legen die Gewinne im nächsten Jahr dagegen nur um 40 bzw. 60 Prozent zu, läge der Gewinn je Aktie nur bei 700 bzw. 800 Indexpunkten.

 

Genau hier zeigt sich schon das nächste Problem

Nicht nur, dass sich Aktienkurse schwer tun, gegen fallende Gewinnerwartungen anzukämpfen. Noch schwieriger wird es, wenn gleichzeitig die Bewertungen zu hoch sind. So weist der DAX auf Basis der in 12 Monaten erwarteten Unternehmensgewinne derzeit ein KGV von 13,8 auf.

Damit ist er fast genauso teuer wie vor dem Beginn der Coronakrise.

Unterschied ist nur, dass die Unsicherheiten heute wesentlich größer sind und man zudem davon ausgehen muss, dass die Gewinnprognosen, auf denen diese Kennzahl beruht, deutlich zu optimistisch sind. Beruhend auf unseren oben geschilderten Szenarien liegt das „wahre“ DAX-KGV wohl eher zwischen 17 und 18.

Wir haben im Anhang in Tabelle 1 drei Bewertungskennzahlen (KGV, Preis-Buchwert und die Dividendenrendite) für den DAX und seine heutigen Indexmitglieder zu verschiedenen Zeitpunkten ausgewertet, um zu sehen, wie sich die aktuelle Situation und die von Mitte März, als der Index bei 8.400 Punkten stand, mit den DAX-Tiefständen in den Jahren 2003 und 2009 vergleicht. Dabei kommt man zu dem Ergebnis, dass sowohl das KGV als auch der Preis zum Buchwert derzeit 30 bis 40 Prozent über den damals erreichten Tiefständen liegen.

Warum wir deutsche Aktien für langfristige Investments aktuell zu teuer finden

Auch wenn uns bewusst ist, dass man bei Aktienkäufen wohl nie den absoluten Tiefstkurs erzielen wird, würden wir solange abwarten, bis die Gewinnerwartungen für die kommenden 12 Monate ihren Tiefpunkt erreicht haben. Diese waren sowohl 2003 als auch 2009 ein zuverlässiger Indikator für das Erreichen eines nachhaltigen Wendepunktes am Aktienmarkt. Ihren letzten Hochpunkt hatten die rollierenden Gewinnerwartungen übrigens schon im Sommer 2018 bei rund 1.000 Indexpunkten. Bis Anfang März 2020 zeigten sie dann eine Seitwärtsentwicklung, bevor sie danach in den freien Fall übergegangen sind.

Solange dieser nicht gestoppt ist, gehen wir davon aus, dass der DAX noch keinen nachhaltigen Boden gefunden hat und ein erneutes Abrutschen auf 8.000 Punkte oder weniger möglich ist.

Mehr Aufschluss über die tatsächliche Entwicklung der Unternehmensgewinne erhofft man sich von der gerade begonnenen US-Berichtssaison für das erste Quartal 2020 (s. Tabelle 2).

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Der Blick in die USA

Nachdem die ersten Unternehmen berichtet haben, scheint (fast) alles wie immer zu sein: Beim S&P 500 haben 60 Prozent der gut 40 Unternehmen die Gewinnerwartungen und 67 Prozent die Umsatzprognosen übertroffen. Beim Dow (bislang haben sieben Firmen berichtet) sehen die Zahlen mit 67 und 83 Prozent noch besser aus, und die Nasdaq toppt das Ganze mit positiven Überraschungsquotienten von jeweils 88 Prozent (bei acht Unternehmen, die bislang Zahlen vorgelegt haben).

Doch auf den zweiten Blick ist dann doch (fast) alles anders als sonst.

Denn angesichts der Tatsache, dass die Analysten ihre Schätzungen für die US-Unternehmen zuletzt ebenfalls deutlich nach unten korrigiert haben, ist das Gesamtbild trotz positiver Überraschungen eher als schwach zu bewerten. Im ersten Quartal sollen die Gewinne jetzt um 12 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen (zu Jahresbeginn: +5,5 Prozent), für Q2 wird mit einem Minus von 23 Prozent gerechnet (zu Jahresbeginn: +7,1 Prozent), gefolgt von -10,3 Prozent in Q3 (zu Jahresbeginn: +10,0 Prozent) und -2,1 Prozent im vierten Quartal 2020 (zu Jahresbeginn: +14,2 Prozent).

Wie beim DAX gilt auch für den S&P 500, dass nach einem eher moderaten Gewinnrückgang von neun Prozent in diesem Jahr schon 2021 die Erträge um fast 20 Prozent ansteigen sollen, sodass sie einen neuen Rekord erreichen.

Warum wir glauben, dass der Blick zu optimistisch ist

Doch wie für den DAX halten wir dies für zu optimistisch, weil wir davon ausgehen, dass die Analysten das wahre Ausmaß des Gewinnrückgangs in diesem Jahr unterschätzen, sodass die Basis für den erwarteten Anstieg im nächsten Jahr um einiges tiefer liegen wird. Hinzu kommt – ebenfalls in Analogie zum DAX –, dass die Bewertungskennzahlen trotz wahrscheinlich zu optimistischer Annahmen sehr ambitioniert sind. So beträgt das KGV auf Basis der in 12 Monaten erwarteten Gewinne 18,5, und der Preis-Buchwert liegt bei 3,0. Im März 2009 lag das KGV dagegen bei 10,0 und der Preis-Buchwert bei 1,4. 2003 verzeichneten die beiden Kennzahlen Werte von 14,7 und 2,4.

Somit kommen wir wie beim DAX zu der Schlussfolgerung, dass die Abwärtsrisiken auch am US-Aktienmarkt keinesfalls gebannt sind und ein erneuter – auch stärkerer Rückschlag – nicht ausgeschlossen werden kann.

Häufig ist dabei als Gegenargument zu hören, dass der erlebte Crash mit einem Rückgang beim Dow Jones 30 von mehr als 29.500 auf fast 18.200 Punkte von Ausmaß her so gewaltig gewesen sei, dass dies eine Übertreibung auf dem Weg nach unten gewesen sein muss. Im Hinblick auf die absolute Kursveränderung ist dieser Eindruck nachvollziehbar.

Aber war der Rückgang des Dow Jones nicht übertrieben?

Nicht jedoch, wenn man sich den prozentualen Kursrückgang anschaut. Hierzu haben wir im Anhang in Chart 1 den Dow Jones 30 seit dem Jahr 1900 im logarithmierten Kursverlauf dargestellt. Diese Art der Darstellung hat im Vergleich zum linearen Verlauf den Vorteil, dass nun die relativen Kursveränderungen angezeigt werden.

Und hier lässt sich erkennen, dass die bisherige Korrektur zwar deutlich, aber keinesfalls völlig ungewöhnlich ausgefallen ist.

Während der Finanz- und Wirtschaftskrise sind die Kurse beispielsweise um mehr als 50 Prozent eingebrochen, und auch während der ersten Ölkrise zu Beginn der 1970er Jahre war ein ähnlich starker Rückgang zu verzeichnen. Das Platzen der Dot-Com-Blase hat der Dow Jones dagegen mit einem Minus von fast 40 Prozent besser überstanden als der S&P 500 oder die Nasdaq. Der stärkste historische Kursrückgang war aber während der großen Depression in den 1930er Jahren zu verzeichnen, damals verlor der Dow Jones in drei Jahren fast 90 Prozent an Wert.

Aber keine Sorge:

Da wir keine neue langanhaltende Weltwirtschaftskrise erwarten, halten wir ein solches Szenario für ausgeschlossen. Der Blick in die Vergangenheit hilft uns aber, die heutigen Geschehnisse besser einzuordnen.

Unser Fazit für den (ungeduldigen) Anleger lautet von daher: Abwarten und Tee trinken. Unter fundamentalen Gesichtspunkten spricht vieles dafür, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zeit noch günstigere Einstiegskurse geben wird.

Tabelle 1: Bewertungskennzahlen für die DAX-Unternehmen

Tabelle 2: Auswertung der US-Berichtssaison

Chart 1: Kursverlauf des Dow Jones 30 seit dem Jahr 1900 in logarithmierter Darstellung

Chart 2: Kursverlauf des DAX 30 seit dem Jahr 1988 in logarithmierter Darstellung

 


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Autor: Carsten Klude

Carsten Klude studierte nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank VWL mit Schwerpunkt Ökonometrie in Kiel. 1996 kam er zu M.M.Warburg & CO, für die er zunächst die europäischen Kapitalmärkte analysierte und später mit der Leitung des Makro-Research betraut wurde. Seit dem Jahr 2009 ist Herr Klude Mitglied im Investmentrat von M.M.Warburg & CO und verantwortet seit dem Sommer 2013 das Asset Management der Bank. Zusätzlich ist Herr Klude seit dem Jahr 2010 Mitglied im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken e.V., dessen Vorsitz er von 2015 bis 2018 inne hatte.

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