Zwischen den USA und China: Deutschlands Abhängigkeiten
13. März 2026Aus der Blütephase des globalen Handels ist in den letzten Jahren ein deutlich raueres Umfeld geworden. Für Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft kam dieser Richtungswechsel besonders ungelegen. Dabei hat zunächst die Corona-Pandemie die Vulnerabilität globaler Lieferketten offengelegt. Regionale Lieferbeschränkungen, etwa in China, lösten realwirtschaftliche Probleme weltweit aus, seien es deutliche Preissteigerungen, Engpässe oder im Extremfall Lieferstopps. Hinzu kommt, dass sich der handelspolitische Ton zuletzt weiter verschärft hat. Donald Trumps Ankündigung höherer Zölle im Zuge des Liberation Days am 2. April 2025 unterstreicht, dass Protektionismus nicht nur ein vorübergehendes Phänomen ist, sondern sich als ein strategisches Instrument etabliert hat.
Rohstoffe, Energie und Technologie im geopolitischen Machtpoker
Mit Blick auf die kommenden Jahre steigt damit das Risiko, dass Handelshemmnisse fortbestehen oder sogar zunehmen. Gleichzeitig werden Großmächte wie die USA und China Handelsbeschränkungen gezielt dort einsetzen, wo sie die größte Hebelwirkung entfalten, also im Bereich kritischer Rohstoffe wie beispielsweise den Seltenen Erden, und im Bereich Energieversorgung oder Schlüsseltechnologien. Handel wird damit zunehmend zur Verlängerung geopolitischer Interessenspolitik.
Europa und insbesondere Deutschland geraten dadurch zunehmend zwischen die Fronten
Als größte Volkswirtschaft Europas mit einer hohen Außenhandelsorientierung läuft Deutschland Gefahr, dass hohe Handelsabhängigkeiten, gerade bei kritischen Rohstoffen, die eigene Autonomie einschränken. Abschottung ist jedoch keine Option und der Handel mit den USA und China wird fortbestehen. Entscheidend ist jedoch, die globalen Handelsbeziehungen dort zu diversifizieren, wo Abhängigkeiten strategisch verwundbar machen.
Die Weichen werden gestellt
Neue Handelsrouten und belastbare Handelsabkommen sind deshalb keine Kür, sondern Teil wirtschaftspolitischer Vorsorge gegen künftige Schocks. Das Mercosur[1]-Abkommen, das Handelsabkommen mit Indien und das mögliche Abkommen mit Australien weisen in die richtige Richtung. Doch liefern diese Initiativen wirklich einen wirtschaftlichen Befreiungsschlag für die Eurozone und insbesondere Deutschland?
Mehr Resilienz dank Mercosur-Abkommen?
Neue Impulse für die Diversifizierung internationaler Handelsbeziehungen kommen aktuell vom Partnerschaftsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur. Nach 25 Jahren Verhandlungen haben sich beide Seiten darauf verständigt, tarifäre und regulatorische Hürden schrittweise abzubauen. Das Ziel ist klar: Markteintrittskosten senken, Planungssicherheit erhöhen und neue Impulse für grenzüberschreitende Wertschöpfungsketten setzen.
Bislang bleibt der Mercosur für EU-Unternehmen ein anspruchsvoller Absatzmarkt
Die südamerikanische Region schützt zentrale Sektoren mit hohen Importzöllen und zahlreichen nichttarifären Handelshemmnissen. So sind Autos, Maschinen, Lebensmittel und chemische Produkte mit Zöllen von bis zu 35 Prozent belegt. Künftig soll rund 90 Prozent des bestehenden Zollgefüges schrittweise abgebaut werden. Für die deutsche Industrie wäre der Abbau der Handelshemmnisse sehr vielversprechend.
Allerdings ist die wirtschaftliche Bedeutung des Mercosur-Staaten bislang gering
Nur rund ein Prozent aller deutschen Exporte im Jahr 2024 entfielen auf den südamerikanischen Wirtschaftsraum. Deutlich wichtiger bleibt der EU-Binnenmarkt mit einem Exportanteil von rund 54 Prozent, während die USA mit rund zehn Prozent und China mit rund sechs Prozent als wichtigste Einzelländer hervorstechen.

Wachstumstreiber des deutschen Exportbooms
Zwar haben sich die deutschen Exporte in die Mercosur-Staaten seit der Jahrtausendwende, ähnlich wie in die EU, mehr als verdoppelt, allerdings von einem deutlich niedrigeren Ausgangsniveau. Noch kräftiger fiel in diesem Zeitraum das Exportwachstum nach China und Indien aus.

Ein qualitativ ähnliches Bild zeigt sich auf der Importseite
Auch hier haben sich die Warenströme aus dem Mercosur seit 2000 etwa verdoppelt, der Anteil an den Gesamtimporten nach Deutschland bleibt mit rund einem Prozent jedoch ebenfalls überschaubar. Allerdings sind aus deutscher Sicht insbesondere die Rohstoffimporte interessant. Nur mit Hilfe einer diversifizierten Rohstoffversorgung lässt sich die eigene Resilienz in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung verbessern.
Keine Zukunftstechnologien ohne Rohstoffe
Zum Beispiel verfügen Argentinien und Bolivien über umfangreiche Lithiumreserven, die unter anderem für die Produktion von Elektroautos oder Herstellung von Smartphones und Laptops notwendig sind. Darüber hinaus spielen auch Vorkommen von Kupfer, Zink, Gold und Silber in den Mercosur-Staaten eine wichtige Rolle, sei es für Energieinfrastruktur, industrielle Vorleistungen oder die Elektronikproduktion.


Hürden bleiben bestehen
Politisch bleibt der Pfad zur Umsetzung des Mercosur-Abkommen jedoch holprig, da insbesondere mit Blick auf Agrarprodukte seitens einzelner EU-Mitgliedstaaten Vorbehalte bestehen. Daher steht noch eine Prüfung beim Europäischen Gerichtshof aus, um die Vereinbarkeit des Abkommens mit den EU-Verträgen zu klären. Sollte das Urteil negativ ausfallen, wären Anpassungen erforderlich.
Dennoch ist wäre ein Inkrafttreten gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheit ein wichtiges Signal
Die EU zeigt damit, dass sie strategische Partnerschaften auch außerhalb des transatlantischen Raums vertiefen kann, selbst wenn die kurzfristigen Wachstumseffekte für Deutschland voraussichtlich begrenzt bleiben. Entscheidender ist aber die Richtung: Diversifizierung als Investition in Resilienz und damit in wirtschaftliche Handlungsfähigkeit. Umso begrüßenswerter war die jüngste Entscheidung der EU-Kommission, das Handelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten noch während der laufenden juristischen Prüfung anzuwenden.
Der Blick gen Osten
Nicht nur in Richtung Südamerika, sondern auch gen Osten intensiviert die EU ihre Bemühungen, wirtschaftliche Beziehungen zu diversifizieren. Mit Indien wurde Ende Januar 2026 ein Handelsabkommen beschlossen, das perspektivisch eine Freihandelszone von fast zwei Milliarden Menschen schaffen soll. Außerdem sind im Unterschied zum politisch sensiblen Mercosur-Abkommen große Teile der Landwirtschaft nicht Gegenstand des Vertrags (u.a. Rindfleisch und Geflügel), was die innenpolitische Reibung in Europa senkt.
Ökonomisch ist Indien für Deutschland bislang in einer ähnlichen Größenordnung wie der Mercosur sichtbar, also mit rund einem Prozent der Exporte und Importe
Allerdings ist Indien als mittlerweile fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt mit knapp 1,5 Milliarden Menschen ein potenziell großer Absatzmarkt. Für die deutsche Automobilindustrie wäre vor allem der Abbau extremer Einfuhrzölle relevant, die bislang bei 70 bis 110 Prozent liegen und im Abkommen zunächst auf 40 Prozent und später auf zehn Prozent sinken sollen, jedoch nur innerhalb eines Kontingents von 200.000 Verbrennern pro Jahr. Das ist kein Befreiungsschlag, aber ein Türöffner, der deutschen Herstellern und Zulieferern einen planbareren Einstieg ermöglicht.
Umgekehrt tangiert das Abkommen vor allem Importe aus Indien nach Deutschland
Insbesondere in den Bereichen chemische Erzeugnisse und Maschinen. Handelserleichterungen sind für die deutsche Industrie insofern relevant, weil es Vorprodukte und Investitionsgüter entlang der gesamten Wertschöpfungsketten betrifft.

Vorbereitung auf die Rente:
Unser Auszahlungs-Lotse
Wir übernehmen die Risikoreduktion schrittweise für Ihr Portfolio, ohne das Risiko vollständig zu eliminieren. So reduzieren wir das Risiko eines größeren Marktrückgangs kurz vor Rentenbeginn und sorgen gleichzeitig dafür, dass weiterhin Wachstumspotenzial erhalten bleibt.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher aus der EU sind Bekleidung und Schuhe entscheidend
Sinkende Zölle und geringere administrative Hürden können die Importkosten senken. Ob daraus spürbar niedrigere Endverbraucherpreise resultieren, hängt allerdings davon ab, inwieweit Unternehmen die Entlastung weitergeben.
Zudem gewinnen elektronische Produkte an Gewicht
Zum Beispiel haben große Smartphonehersteller ihre Produktion sukzessive von China nach Indien verlagert, wodurch „Made in India“ auch in Europa häufiger anzutreffen ist. Ein besonders sensibles Feld sind pharmazeutische Produkte, vor allem Generika. Indien gilt als „Apotheke der Welt“, allerdings stammen viele pharmazeutische Grundstoffe weiterhin aus China. Resilienzgewinne entstehen daher nur, wenn auch die Vorstufen stärker diversifiziert werden.
Wie lautet unser Fazit?
Bis sich die wirtschaftlichen Effekte neuer Handelsabkommen materialisieren, wird es Zeit brauchen. Übersetzungen, juristische Prüfungen und Ratifizierungsprozesse verzögern die Umsetzung, und auch danach wirken Zollsenkungen und neue Lieferketten nicht über Nacht.
Trotzdem sind die Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten und mit Indien bereits heute mehr als reine Wachstumsprogramme
In einer Welt, in der Protektionismus zunehmend als strategisches Instrument eingesetzt wird, senden solche Abkommen ein politisches Signal: Europa setzt auf Diversifizierung, reduziert strategische Verwundbarkeiten und stärkt seine wirtschaftliche Handlungsfähigkeit.
Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte spricht zudem für offene Märkte
Mehr Handel erhöht die Produktivität, fördert Wettbewerb und kann dadurch Preise stabilisieren oder senken, was am Ende Verbraucherinnen und Verbraucher entlastet.
Vor diesem Hintergrund ist auch ein erfolgreicher Abschluss mit Australien wichtig
Nach dem Neustart der Gespräche will die EU-Kommission das Abkommen in den kommenden Monaten finalisieren, Zölle auf beiden Seiten abbauen und den Handel mit Dienstleistungen erleichtern. Zugleich geht es um wirtschaftliche Resilienz, denn die EU importiert aus Australien zentrale Rohstoffe wie Lithium und Seltene Erden. Genau hier würde ein Abkommen zur Diversifizierung beitragen und bestehende Abhängigkeiten reduzieren, auch wenn agrarpolitische Streitpunkte weiter offen sind.
Simon Landt
Foto von CHUTTERSNAP auf Unsplash
[1] Kürzel für „Mercado Común del Sur“, südamerikanischer Handelsblock bestehend aus Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und Bolivien.
Autor: Simon Landt
Simon Landt hat einen Masterabschluss in Quantitative Finance und in Quantitative Economics an der Universität Kiel erworben und ein Auslandsemester an der School of Economics and Business der Universität Ljubljana absolviert. Nach seinem einjährigen Traineeprogramm startete er seine berufliche Laufbahn als Analyst im Makro Research. Seit Oktober 2021 arbeitet Simon Landt im Private Asset Management von M.M.Warburg & CO zusammen mit Carsten Klude und Dr. Christian Jasperneite. Er ist spezialisiert auf Analysen des aktuellen Marktumfeldes und steuert die fondsgebundenen Vermögensverwaltungsstrategien. Zudem unterrichtet Simon Landt seit 2024 den Masterkurs „Portfolio- und Assetmanagement“ an der Northern Business School.
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