Wachstum in einer nachhaltigen Welt: Geht das?

Der Sommer ist die Jahreszeit, in der man mitunter die Gelegenheit hat, die Gedanken ein wenig schweifen zu lassen und sich über die tagesaktuelle Hektik hinaus mit eher grundsätzlichen, aber sehr wichtigen Sachverhalten zu beschäftigen. Und so stößt man gelegentlich auf Bücher oder Artikel, die man sonst vielleicht übersehen oder nicht ausreichend wertgeschätzt hätte. Ein solcher Artikel, mit dem man sich auf jeden Fall beschäftigen sollte und der eigentlich eine Pflichtlektüre für angehende Volkswirte sein müsste, ist der Beitrag „Die Faltung der Welt“ von Anders Levermann in der FAZ vom 7.7.2021. Der Autor ist Physiker und Klimawissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Der Autor beschäftigt sich in dem Artikel u.a. mit der Frage, inwieweit der Klimawandel zu Einschränkungen in der Wirtschaft führen wird und wie man aus Wachstumssicht damit umgehen könnte oder müsste. Und auch wenn der Artikel zunächst einen sehr mathematischen und damit akademischen Blick auf die Frage wirft, sind die Antworten doch hochgradig praxisrelevant und spielen eine erhebliche Rolle auch bei der Beantwortung der Frage, ob notwendige Einschränkungen in den kommenden Jahrzehnten nicht auch zu rückläufigen Gewinnwachstumsraten führen müssten, was wiederum einen erheblichen Einfluss auf die langfristig zu erwartende Wertentwicklung von Aktien haben könnte.

Wie ist grenzenloses Wachstum möglich?

Levermann argumentiert wie folgt: Unbegrenzter Ressourcenverbrauch und unbegrenzte Schadstoffemissionen sind keine Option mehr, wenn man die Erde nicht an den Rand der Bewohnbarkeit treiben will. Damit ist auch ein grenzenloses Wachstum im klassischen Sinn keine Option, denn grenzenloses Wachstum führt in geschlossenen System zu Explosionen oder zum Kollaps – beide Alternativen sind kein begehrenswerter Zustand für Ökosysteme und Gesellschaften.

Wir leben nicht im Paradies

Auf der anderen Seite sind statische und stagnierende Gesellschaftsformen auch kein begehrenswertes Ziel; schließlich lebt die Menschheit nicht im Paradies, in dem sich keiner über den statischen Zustand beschweren würde. Große Teile der Weltbevölkerung sind arm und viele Krankheiten sind immer noch nicht heilbar. Gleichzeitig ist der menschliche Geist ist auf Kreativität und Ehrgeiz „getrimmt“. Da ist eine exogen vorgegebene Stagnation keine glaubwürdige Alternative, wo doch die bisherige Menschheitsgeschichte durch Entwicklung und Dynamik und damit durch Wachstum geprägt war.

Das Prinzip der Faltung kann eine „Explosion“ verhindern

Doch wie lassen sich dann Wachstum und Ressourcenknappheit miteinander in Einklang bringen? Oder etwas mathematischer formuliert: Wie kann endloses Wachstum in einem endlichen Raum ermöglicht werden? In der Theorie der dynamischen Systeme existiert das Prinzip der Faltung:

Ein System kann sich ein einem endlichen Raum entwickeln und trotzdem eine „Explosion“ verhindern, indem es sich faltet.

Die Grenzen werden als solche erkannt und der Raum zwischen den Grenzen auf immer effizientere Weise genutzt. Levermann spricht von einem Wachstum in die Vielfalt, die den Raum einnimmt, ohne ihn zu sprengen. Was mathematisch elegant formuliert werden kann, ist auch als Analogie für das Wirtschaftsleben geeignet. Denn auch bei Begrenztheit kann Wachstum entstehen.

Der Europäische Emissionshandel als Beispiel für Wachstum mit Grenzen

Ein sehr gutes Beispiel für eine solche Grenze ist der Europäische Emissionshandel. Mit diesem Handel an CO2-Emissionsrechten ist für die nächsten Jahrzehnte sichergestellt, dass die betroffenen Sektoren der Wirtschaft eine gesetzlich festgelegte Emissionsmenge nicht überschreiten können. Der sich in den nächsten Jahren ergebende Preis für die Rechte ist nicht bekannt und wird sich am Markt bilden; der Mengeneffekt ist aber garantiert und bildet eine solche Grenze. Und da diese Grenze für alle Marktakteure bekannt und anerkannt ist, wird sie – mathematisch betrachtet – Teil des dynamischen Systems. Man lernt mit dieser Grenze zu arbeiten, sie zu berücksichtigen und mit ihr zu leben. Im Idealfall braucht man dafür letztlich einen globalen Emissionshandel mit einer globalen Kappung und stetigen Reduktion der Emissionsmengen, aber selbst dieser Anfang ist gemacht, nachdem China begonnen hat, einen eigenen Emissionshandel nach europäischem Vorbild aufzubauen.

Not macht erfinderisch!

Was mathematisch zu einer Faltung führt, ist im Wirtschaftsleben nichts weiter als Innovation und Kreativität, die lernt, mit den Grenzen umzugehen und das Beste daraus zu machen. Kreativität und Wertschöpfung findet immer statt, sobald die Rahmenbedingungen des Handelns für alle klar sind. Nicht die Begrenzung des Wachstums ist Aufgabe der Politik, sondern die Begrenzung des Raumes und vor allem der Rahmenbedingungen, in denen das Wachstum stattfinden kann. Auch wirtschaftshistorisch zeigt sich, dass Begrenzungen nie ein dauerhafter Wachstumskiller waren.

Gerade zu Zeiten von Kriegen, Seuchen oder Naturkatastrophen wurden Menschen besonders erfinderisch und erzielten technologische Sprünge, die zuvor in „bequemen“ Zeiten nicht stattgefunden haben.

Die aktuelle Corona-Krise ist dafür nur das jüngste Beispiel. Wer hätte gedacht, dass der temporäre Zusammenbruch von Lieferketten nur einen so kurzen Effekt auf die globale Wertschöpfung ausüben würde? Und wer hätte vermutet, dass man ganze Länder über Monate in den Lockdown schicken kann und dann trotzdem keine 18 Monate nach dem Beginn der Krise wieder die alten Wertschöpfungsniveaus erreicht?


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Wie die Corona-Krise zum medizinischen und digitalen Fortschritt führt

Schließlich hat die Corona-Krise wahrscheinlich einen größeren Beitrag zur Digitalisierung der Gesellschaft geleistet als sämtliche Bemühungen von Unternehmen und Politikern in den 20 Jahren zuvor. Schlussendlich wird sogar der medizinische Fortschritt von der Pandemie profitieren, denn durch die in Rekordzeit entwickelten mRNA-Impfstoffe wurde die Tür auch zur Behandlung anderer Krankheiten sehr weit geöffnet. Auch die von Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg zu leistenden Reparationen über die Demontage der Schwerindustrie sind ein gutes Beispiel. Durch den Abbau von Maschinen und die Lieferung an die Siegermächte sollte Deutschland industriell geschwächt werden; im Ergebnis war die Demontage aber die Keimzelle für das folgende Wirtschaftswunder, da die Betriebe in Deutschland gezwungen waren, neue Maschinen zu entwickeln und anzuschaffen, die letztlich viel produktiver waren und einen gewaltigen Wachstumsschub ermöglichten. Wie schon ein altes Sprichwort sagt: Not macht erfinderisch! Nie sollte man die Leistungsfähigkeit von dezentralen, marktwirtschaftlichen System unterschätzen, mit Herausforderungen umzugehen.

Politik sollte die Ramenbedingungen vorgeben

Wir sollten daher keine Angst vor Knappheit und Restriktionen haben, sondern nur Angst davor, dass diese nicht sauber von der Politik benannt oder glo-bal unterschiedlich definiert und interpretiert werden. Problematisch ist es zudem, wenn die Politik selbst zum Akteur wird, statt nur Rahmenbedingungen zu schaffen.

Ein gutes Beispiel dafür ist wiederum der Klimaschutz.

So wird einerseits auf europäischer Ebene ein sehr effizientes System des Emissions-handels eingeführt, andererseits betreiben die EU und vor allem auch nationale Regierungen überflüssiges und manchmal auch schädliches Mikromanagement, indem gewisse Technologien gefördert und andere verboten werden. Dadurch werden – mathematisch gesprochen – effiziente Faltungen eher verhindert. Meistens führen diese Eingriffe nur zu Wohlfahrtsverlusten, ohne dass die eigentlich angestrebten Ziele mit einem höheren Zielerreichungsgrad erreicht werden.

Was hat das mit dem Kapitalmarkt zu tun?

Auch wenn dies alles politisch klingen mag, so haben diese Überlegungen doch eine erhebliche Kapitalmarktrelevanz. Denn da vor allem in Europa in den kommenden Jahrzehnten eher nicht mit einer Normalisierung der Zinspolitik zu rechnen ist, spielen Aktien eine zunehmend wichtige Rolle in der Allokation von Portfolios. Das ist aber nur attraktiv, wenn die zu erwartenden Gewinnwachstumsraten nicht deutlich gegenüber ihrem historischen Pfad einbrechen. Wäre dies der Fall, stünde die zu erwartende Rendite in keinem hinreichend attraktiven Verhältnis zu den damit einhergehenden Risiken.

Wir können hier aber Entwarnung geben. So wie sich in der Mathematik ein begrenzter Raum falten kann, so können Unternehmen ebenfalls mit Grenzen und Restriktionen umgehen, wenn sie diese klar und langfristig belastbar formuliert werden.

Wachstum, Gewinne und Wohlfahrtszuwächse sind auch in einer nachhaltigen Welt möglich!

Profilfbild von Christian Jasperneite

Autor: Dr. Christian Jasperneite

Dr. Christian Jasperneite studierte an der Universität Passau VWL und promovierte anschließend an der Universität Passau am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Harvard University begann er im Jahr 2000 als Analyst im Makro-Research von M.M.Warburg & CO. Seit Anfang 2009 ist Dr. Jasperneite Chief Investment Officer bei M.M.Warburg & CO und verantwortet dort u.a. Fragen der strategischen und taktischen Allokation sowie der Portfoliokonstruktion und der Produktentwicklung.

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