USA oder doch Europa? – Warum (wieder) alles für US-Aktien spricht

Für einen europäischen Investor ist es üblich, einen Schwerpunkt bei europäischen Aktien zu setzen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Dennoch: US-amerikanische Aktien weisen seit vielen Jahren eine deutlich bessere Wertentwicklung auf als europäische Aktien. Gilt das auch für die Zukunft?

Investoren scheuen zu einem gewissen Grad das Währungsrisiko und weisen in ihrer Aktienauswahl zudem nicht selten einen sogenannten Homebias auf. Trotzdem wäre man in den letzten Jahren gut beraten gewesen, Wechselkursrisiken zu negieren und den Homebias so klein wie möglich zu halten, denn US-amerikanische Aktien weisen seit vielen Jahren eine deutlich bessere Wertentwicklung auf als europäische Aktien.
In den letzten zehn Jahren erzielte der S&P 500 in etwa die doppelte Performance wie der STOXX 600. Betrachtet man rollierende Monatsabschnitte, steigt der Wert auf fast 60%. Über rollierende Quartale lag der Wert bei 65% und über rollierende Jahresabschnitte lag die Wahrscheinlichkeit der Outperformance sogar bei 80%!

Daraus lassen sich gleich mehrere Schlussfolgerungen ziehen

So konnte man über eine taktische Veränderung der Gewichtung von Aktien aus den USA und Europa nur dann einen Vorteil ziehen, wenn man immer wieder über vergleichsweise kurze Anlagezeiträume von einigen Wochen europäische Aktien gegenüber den US-Werten übergewichtet hat und dabei eine vergleichsweise hohe Trefferquote bei den taktischen Entscheidungen erzielen konnte.
In letzter Konsequenz wäre man aber letztlich gut beraten gewesen, einfach ein strukturelles Übergewicht in US-Aktien beizubehalten und kurzfristige Phasen einer Underperformance einfach auszusitzen.

Vergleich USA mit Europa: Darum haben sich US-Aktien so gut entwickelt

Wenn sich eine Region derart systematisch besser entwickelt als eine andere Region, ist das selten ein Zufall. Auch im direkten Vergleich der USA mit Europa ist relativ eindeutig, warum sich US-Aktien so gut entwickelt haben:

Die Gewinne wiesen eine höhere Wachstumsrate auf, und die ständigen Aktienrückkäufe von US-Unternehmen haben tendenziell für steigende Kurs-Gewinnverhältnisse gesorgt. Doch sollte man nun auch für die nächsten zehn Jahre einfach auf die strukturelle Outperformance von US-Aktien setzen und dementsprechend auf jegliche taktische Veränderung verzichten?
Immerhin zeigen die Jahre von 2001 bis 2011, dass eine strukturelle Outperformance nicht für jeden beliebigen Zeitraum gilt – so konnten sich in diesem Zeitraum von immerhin zehn Jahren US-Aktien nicht nachhaltig von europäischen Aktien entkoppeln.

Ist jetzt der Zeitpunkt gekommen wieder auf europäische Aktien zu setzen?

Zumindest vor einigen Monaten hatten wir kurzzeitig das Gefühl, dass nun ein Zeitpunkt gekommen sein könnte, zumindest temporär wieder mehr auf europäische Aktien zu setzen. Der Grund für diesen Optimismus lag in der absehbaren Zulassung der ersten Impfstoffe. Unsere damalige Überlegung war wie folgt: Wenn durch die Verfügbarkeit von Impfstoffen zunehmend die wirtschaftliche Normalität zurückkehrt, sollte die Konjunktur massiv davon profitieren. Da vor allem in Europa viele zyklische Werte zu finden sind, spräche das für eine temporäre Outperformance europäischer Aktien.

Und tatsächlich haben sich europäische Aktien im Spätsommer und dann nochmal im Herbst für einige Wochen besser entwickelt als US-Aktien; eine systematische Trendumkehr ist aber nicht zu erkennen.


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Ist also das Feuerwerk schon abgebrannt?

Aus unserer Sicht könnte dies der Fall sein. Denn es gibt nun einen weiteren Punkt, der beim Blick nach vorne berücksichtigt werden muss. Im Spätsommer und Herbst des letzten Jahres bestand eine diffuse Hoffnung auf Impfstoffe, doch nun zeigt sich, dass Länder und Regionen sehr große Unterschiede im Impffortschritt erzielen.
Während in den USA schon knapp 14% der Bevölkerung geimpft sind, liegt der Wert für Deutschland noch unter 5%. Andere große europäische Länder wie Frankreich liegen noch weiter zurück. Dieser Trend wird sich in den kommenden Monaten nicht ändern, so dass man davon ausgehen kann, dass im Sommer in den USA große Teile der Bevölkerung einen Impfschutz aufweisen werden, während das in Europa vermutlich erst Anfang 2022 der Fall ist.

Impffortschritt: USA deutlich vor Europa

Damit weisen die USA einen geradezu dramatischen Vorteil gegenüber Europa auf. Denn während für Europa zumindest die theoretische Gefahr besteht, dass im Herbst 2021 ein weiterer Lockdown notwendig sein könnte, hat sich dieses Thema für die USA vermutlich erledigt.
Zudem existiert noch ein weiterer Punkt, der für die USA spricht. Denn es gibt mehrere Hinweise darauf, dass in Europa die UK-Mutation des Corona-Virus die dominante Variante werden könnte, während in den USA durch die begrenzten Reisemöglichkeiten nach wie vor die „klassische“ Variante zu dominieren scheint. Wir haben schon vor einigen Wochen anhand von Mobilitätsdaten und dem daraus abgeleiteten Infektionsgeschehen aufzeigen können, dass die UK-Variante unzweifelhaft ein höheres Ansteckungspotenzial aufweist. Nun wird ausgerechnet der Kontinent von der Mutation heimgesucht, der auch noch besonders langsam beim Impfen ist – das ist keine gute Kombination.

USA beweist immer wieder, dass sie aus Krisen schneller herausfinden als Europa

Neben Corona-bedingten Argumenten existieren aber noch weitere Gründe, warum man als aktiver Investor wieder verstärkt auf US-Aktien setzten sollte, ohne selbstredend auf internationale Diversifikation zu verzichten. So haben die USA in den letzten Jahrzehnten immer wieder bewiesen, dass sie aus Krisen schneller und dynamischer herausfinden als Europa.

In der Vergangenheit wurde diese Dynamik allerdings zuweilen von der US-Notenbank wieder eingebremst, die im Zuge steigender BIP-Wachstumsraten auch die Leitzinsen angehoben hat. Genau dies wird aber nun nicht passieren. Erst am Mittwoch hat der Notenbankchef Jerome Powell zum wiederholten Male klargestellt, dass die (nicht leicht zu erreichende) Rückkehr zur Vollbeschäftigung absolute Priorität habe und von der Fed mit allen Mitteln unterstützt werde.

Mit anderen Worten: Auch, wenn durch die expansive Geldpolitik sowie den steigenden Auslastungsgrad und ansteigender Beschäftigungszahlen die Inflationsrate steigen sollte, wird die Fed die Priorität weiter auf die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit legen und nicht auf die Bekämpfung der Inflation.
Das muss nun nicht bedeuten, dass die Fed jede kleine Erhöhung der Renditen von US-Staatsanleihen mit Argusaugen betrachtet und sofort gegensteuert.

Welche Rolle die US-Notenbank dabei spielt

Aber es bedeutet, dass die Fed ein grundsätzliches und strukturelles Interesse an niedrigen Zinsen und Renditen hat und zumindest eine implizite Obergrenze für Renditen zu bestehen scheint, ab der die Fed verstärkt in das Marktgeschehen eingreifen wird. Damit sollte der Aktienmarkt von einer Sorge befreit sein: Nämlich der Sorge, dass zu stark steigende Renditen und Zinsen vor dem Hintergrund steigender Inflationsraten das Kurspotenzial von US-Aktien schmälern. Stattdessen steuern die USA schon fast wieder auf ein Goldilocks-Szenario zu: Insbesondere Growth-Aktien profitieren von weiterhin niedrigen Zinsen, während eine erhöhte Inflationsrate Gewinnen einen zusätzlichen Schub verleiht – und das mit Aussicht auf einen Corona-freien Herbst.

Es spricht einfach wieder einmal alles für eine Übergewichtung von US-Aktien!


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Autor: Dr. Christian Jasperneite

Dr. Christian Jasperneite studierte an der Universität Passau VWL und promovierte anschließend an der Universität Passau am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Harvard University begann er im Jahr 2000 als Analyst im Makro-Research von M.M.Warburg & CO. Seit Anfang 2009 ist Dr. Jasperneite Chief Investment Officer bei M.M.Warburg & CO und verantwortet dort u.a. Fragen der strategischen und taktischen Allokation sowie der Portfoliokonstruktion und der Produktentwicklung.

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