US-Wirtschaft: Der Fels in der Brandung, aber wie lange noch?

Die Weltwirtschaft befindet sich in einem konjunkturellen Abschwung. In fast allen Ländern hat sich die Wachstumsdynamik im letzten Jahr abgeschwächt. Das Wirtschaftswachstum in den USA dagegen zeigt langsamere Ermüdungserscheinungen. Dies zeigt, dass sich der vom US-Präsidenten initiierte Handelskrieg mit China kaum negativ auf die USA ausgewirkt hat. Worauf ist dies zurückzuführen? Und wird das so bleiben?

In den vergangenen 12 Monaten war eine klare Verlangsamung der Wachstumsdynamik zu beobachten – Europa und einige Schwellenländer sind am stärksten betroffen. Dagegen hat sich das Wirtschaftswachstum in den USA bislang nur moderat abgeschwächt. Im zweiten Quartal 2018 verzeichnete das reale Bruttoinlandsprodukt mit einer Jahresrate von 3,2 Prozent das stärkste Wachstum seit der Amtsübernahme durch US-Präsident Trump. Seitdem hat sich die Wachstumsrate zuletzt auf 2,3 Prozent nur leicht verringert.

Konjunktureller Abschwung des Weltwirtschaft: auch die USA bleiben nicht verschont

Beim genaueren Hinsehen stellt man fest, dass sich die Abschwächung des Welthandels auch in den USA bemerkbar macht. So haben sich die Ausfuhren in den vergangenen Quartalen analog zur Entwicklung in den meisten anderen Ländern abgeschwächt. Jedoch spielen die Exporte für die US-Wirtschaft nur eine untergeordnete Rolle: Ihr Anteil an der gesamten Wertschöpfung beträgt nur acht Prozent (zum Vergleich: in Deutschland liegt der Anteil bei 40 Prozent). Hinzu kommt, dass das verarbeitende Gewerbe, in dem sich die Bremsspuren des Handelskriegs am deutlichsten zeigen, in den USA nur einen Anteil von etwas mehr als zehn Prozent an der gesamten Wirtschaft hat (Deutschland: fast 25 Prozent).

Deutschland – USA: Strukturell höchst unterschiedlich aufgestellt

Im Unterschied zu vielen anderen Volkswirtschaften sind die USA also strukturell anders aufgestellt: Dienstleistungen und der private Verbrauch, der einen Anteil von fast 70 Prozent am BIP hat, entscheiden in erster Linie über Wohl und Wehe der US-Wirtschaft. Hinzu kommt, dass die Deregulierung der Wirtschaft, die höheren Staatsausgaben und die Steuersenkungen quasi als eine Art Schutzschild fungiert haben. Und nicht zuletzt verfügen die USA über einen wettbewerbsfähigen und gut kapitalisierten Finanzsektor, der es zusammen mit liquiden Kapitalmärkten Konsumenten und Unternehmen ermöglicht, in ausreichendem Maße an günstige Kredite zu kommen.

Die meisten Frühindikatoren deuten jedoch darauf hin, dass sich das Wirtschaftswachstum in den nächsten Quartalen abschwächen wird. Vor allem für die Industrieunternehmen haben sich die Geschäftsaussichten eingetrübt. So ist der ISM-Index für das verarbeitende Gewerbe im September auf 47,8 Punkte gefallen; das ist der niedrigste Wert seit Juli 2009. Eine Rezession signalisiert der Indikator aber erst bei Werten von etwa 43 Punkten. Bei den Dienstleistern liegt der Einkaufsmanagerindex hingegen noch bei 56,4 Punkten (August 2019) und damit auf einem immer noch hohen Niveau.

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Ist eine US-Rezession also unwahrscheinlich?

Die Anleger am US-Aktienmarkt scheinen dieser Meinung zu sein, denn der S&P 500 befindet sich in der Nähe seines historischen Höchststands und hat in diesem Jahr um gut 17 Prozent zugelegt. Vor und in Rezessionen verlieren Aktien dagegen signifikant an Wert.
Von den vier Rezessionsindikatoren, die wir verfolgen, haben bislang zwei angeschlagen:

  • zum einen die Zinsstrukturkurve, also der Abstand zwischen kurz- und langfristigen Zinsen,
  • zum anderen die Differenz zwischen Lagerbeständen und Neuaufträgen beim ISM-Index aus dem verarbeitenden Gewerbe.

Unkritisch verhalten sich dagegen bisher der Index der Frühindikatoren von Conference Board sowie die Veränderung der Arbeitslosenquote.

Die Beschäftigung ist der Schlüsselfaktor, der darüber entscheidet, wie stark der Abschwung der US-Wirtschaft ausfallen wird.

Bislang sind die Arbeitsmarktdaten unauffällig, die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit 50 Jahren nicht mehr. Zudem steigen die Löhne um gut drei Prozent, sodass die US-Verbraucher real mehr Geld im Portemonnaie haben, das ausgegeben werden kann. Allerdings hat sich der Beschäftigungszuwachs in den vergangenen Monaten abgeschwächt, im Vorjahresvergleich ist der Zuwachs zuletzt so gering ausfallen wie zuletzt im August 2011.

Unter der Oberfläche scheint sich also auch am Arbeitsmarkt die Situation zu verschlechtern. Sollte dieser Trend anhalten, könnte der Konsum als Wachstumsmotor der US-Wirtschaft ins Stottern geraten und die gesamte Wirtschaft mit nach unten ziehen. Dies würde wohl auch dem US-Aktienmarkt nicht gut bekommen, wobei fallende Aktienkurse das Verbrauchervertrauen belasten und zu negativen Vermögenseffekten führen könnten.

Eine mögliche Abwärtsspirale wäre die Folge. Aber soweit muss es nicht kommen.

Entwicklung des Aktienmarktes anhand des S&P 500 und Dow-Jones-Index

Neben den nächsten Arbeitsmarktdaten kommt der Berichtssaison für das gerade zu Ende gegangene dritte Quartal eine wichtige Rolle für die weitere Entwicklung des Aktienmarktes zu. Wie für die meisten globalen Aktienmärkte sind auch für den S&P 500 die Gewinnerwartungen für das Jahr 2019 von den Unternehmensanalysten seit Herbst letzten Jahres kontinuierlich gesenkt worden. Nachdem zu Jahresbeginn noch ein Gewinnanstieg von knapp acht Prozent für dieses Jahr prognostiziert wurde, wird derzeit nur noch mit einem Plus von zwei Prozent gerechnet. Noch deutlicher fielen die Prognoseanpassungen für den Dow-Jones-Index (von plus acht auf minus fünf Prozent) und den Technologiewerteindex Nasdaq Composite (von plus zwölf auf minus zwei Prozent) aus.

Für das dritte Quartal wird für den S&P 500 eine Gewinnrückgang von gut drei Prozent gegenüber dem Vorjahr erwartet. Da die Prognosen im Vorfeld der Berichtssaison meistens so stark reduziert werden, dass es den Unternehmen später dann doch gelingt, diese zu übertreffen und für eine positive Überraschung zu sorgen, dürfte das tatsächliche Ergebnis etwas besser ausfallen.

Zu den Sektoren, die im dritten Quartal am negativsten abschneiden dürften, gehören

  • Energie (-31 Prozent), Rohstoffe (-17 Prozent) und Technologie (-8 Prozent). So wird für die Halbleiterhersteller aus dem Philadelphia-Semiconductor-Index ein Gewinnrückgang von 20 Prozent erwartet.

Zu den Branchen, für die ein höherer Gewinn im Vergleich zum Vorjahr erwartet wird, gehört

  • neben dem Finanz- (+4 Prozent) und Pharmasektor (+3 Prozent) überraschenderweise auch die Branche Industrie (+2 Prozent).

Aber selbst wenn die Gewinne im dritten Quartal etwas besser als erwartet ausfallen dürften, besteht das Risiko, dass die Prognosen für die folgenden Quartale weiter nach unten angepasst werden müssen. Ohne eine Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Lage ist es fraglich, woher der unterstellte Gewinnanstieg von gut drei Prozent im vierten Quartal bzw. von zehn Prozent im nächsten Jahr resultieren soll. Dieser dürfte nur dann erreichbar sein, wenn es bei den nächsten Verhandlungen zwischen den Delegationen aus den USA und China wirklich zu einem Handelsdeal kommt. Gut möglich, dass US-Präsident Trump nach den zuletzt schwachen Konjunkturdaten bereit ist, von einigen seiner Forderungen gegenüber China abzurücken. Doch das bleibt erstmal abzuwarten.

 


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