Unternehmensberichtssaison: Rettung in letzter Sekunde?

An den Aktienmärkten haben sich die Kurse zuletzt trotz vieler negativer Nachrichten stabilisiert. Eine wichtige Rolle hierfür spielt die Berichtssaison, in der Unternehmen Auskunft darüber geben, wie bei ihnen das vergangene Quartal gelaufen ist. Und das scheint mehrheitlich gar nicht so schlecht gewesen zu sein.

Angesichts der Flut negativer Nachrichten – der andauernde Krieg in der Ukraine, die hohen Inflationsraten, steigende Zinsen et cetera pp. – konnten Anleger in diesem Jahr bislang nur verzweifeln. Kein Wunder also, dass sich der DAX kürzlich bei nur noch 12.400 Punkten wiederfand. Positive Dinge muss man hingegen mit der Lupe suchen, aber man kann sie finden!

2. Quartal 2022: Gewinne und Umsätze von Unternehmen stiegen an

So haben sich viele Unternehmen trotz aller makroökonomischen Widrigkeiten auch im zweiten Quartal gut geschlagen; das ist zumindest der erste Eindruck, den die aktuelle Berichtssaison bei uns hinterlassen hat. Zwar verlief der Start etwas rumpelig, weil vor allem einige US-Großbanken ein enttäuschendes Zahlenwerk vorlegten, doch hat mittlerweile die Zahl der positiven Überraschungen bei den für das zweite Quartal berichteten Gewinnen und Umsätzen zugenommen.

Von den bislang gut 90 Unternehmen aus dem S&P 500 haben 72 Prozent die Gewinn- und 68 Prozent die Umsatzerwartungen übertroffen. Im Vergleich zu den letzten Quartalen, als diese Surprise-Ratios häufig bei 80 Prozent oder sogar noch höher lagen, ist dies ein eher schwaches Abschneiden.

Was uns daran dennoch gefällt, ist die Tatsache, dass sich die Werte in den vergangenen Tagen kontinuierlich verbessert haben und die meisten Anleger eher mit noch schwächeren Zahlen gerechnet haben. Darauf deutet hin, dass im Laufe der bisherigen Quartalssaison die Kurse der berichtenden Unternehmen mehrheitlich angestiegen sind.

Dies war in den vergangenen Jahren eher selten der Fall. Getreu dem Motto „buy the rumour, sell the fact“ wurden Aktien im Anschluss an gute Unternehmensnachrichten mehrheitlich verkauft – erst mit einiger Verzögerung auf die positiven Daten stiegen die Kurse dann wieder an.

Insofern lässt sich das Zwischenfazit ziehen, dass die bisherige Berichtssaison zwar schlechter ausgefallen ist als das zuletzt üblich war, angesichts der geringen Erwartungshaltung die Kurse dennoch mehrheitlich zulegen konnten.

Es würde uns nicht überraschen, wenn sich dieses Reaktionsmuster im Laufe der restlichen Berichtssaison fortsetzen würde, sodass sich der Aktienmarkt in den kommenden zwei bis drei Wochen weiter erholen könnte.

Doch was kommt danach?

Der seit Jahresbeginn zu beobachtende Börsenabschwung ist vor allem auf die gestiegenen Zinsen zurückzuführen, die zu einer Korrektur der zuvor hohen Aktienmarktbewertungen geführt hat. Vor allem deutsche und europäische Aktien sind bezogen auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis mittlerweile recht günstig bewertet (DAX-KGV: 11 vs. 12,5 im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre, Stoxx 50-KGV: 12 vs. 13,4), beim S&P 500 mit einem KGV von 16,6 hat sich die Bewertung ihrem langjährigen Mittelwert von 15,7 deutlich angenähert. Unter der Voraussetzung, dass der Inflationshöhepunkt erreicht ist und die US-Notenbank sowie die Europäische Zentralbank die Zinsen nicht stärker erhöhen als es derzeit erwartet wird, sollte der Druck auf die Bewertungsmultiplikatoren nachlassen.


Seit Monaten befindet sich der Euro gegenüber dem US-Dollar auf Talfahrt. Erstmals seit 2002 ist die europäische Gemeinschaftswährung auf die Marke von einem Dollar gerutscht. Doch was sind die Ursachen für den Sinkflug des Euros? Und welche Folgen hat der Wertverlust?

„Die Gründe für die Abschwächung des Euros sind vor allem in der unterschiedlichen Geldpolitik in den USA und der Eurozone zu sehen“, sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt bei M.M.Warburg & CO. Ob eine schwache Währung auch von Vorteil sein kann und welche Folgen der relativ zum US-Dollar schwache Euro derzeit für die deutsche Wirtschaft hat, erfahren Sie im Video.

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Wie wird sich die Wirtschaft entwickeln?

Dennoch sind damit noch nicht alle Steine aus dem Weg geräumt, denn genauso wichtig wie der Multiplikator sind die Unternehmensgewinne, und diese sind eine Funktion der wirtschaftlichen Entwicklung. Aus makroökonomischer Sicht gibt es eine Reihe von Signalen, die auf eine deutliche wirtschaftliche Abschwächung oder sogar auf eine bevorstehende Rezession hindeuten, sowohl in den USA als auch in Europa.

In den Firmenbilanzen sieht man allerdings bislang wenig konkrete Hinweise, die auf ein sich verdüsterndes Konjunkturszenario schließen lassen. Auch dies ist ein Grund für die zuletzt bessere Verfassung der Aktienmärkte, weil Anleger nach dem Zinsschock in den letzten Wochen auch noch begonnen haben, einen wirtschaftlichen Schock einzupreisen.

Allerdings ist die Berichtssaison immer nur der Blick in den Rückspiegel, wichtiger für den Aktienmarkt ist jedoch der Blick nach vorn. Auch hier gilt, dass von den Unternehmen ihre Perspektiven für das zweite Halbjahr bislang eher positiv eingeschätzt werden. Eine rückläufige Nachfrage wird von den wenigsten erwartet und wenn doch, sollen Preiserhöhungen den negativen Mengeneffekt kompensieren können.

Eurozone

In der Eurozone, wo sich die Konjunktur bereits deutlich abgeschwächt hat, profitieren die international tätigen Unternehmen zudem von der Schwäche des Euro. So ist beispielsweise die erwartete Steigerungsrate der DAX-Gewinne für dieses Jahr seit Februar von zwei auf sechs Prozent angestiegen. Für das nächste Jahr sind die Unternehmensanalysten in den vergangenen vier Wochen allerdings vorsichtiger geworden, der erwartete Gewinnzuwachs für 2023 hat sich von neun auf sieben Prozent reduziert.

USA

In den USA sind die Prognosen für den S&P 500 mit Gewinnsteigerungsraten von zehn Prozent in diesem und neun Prozent im nächsten Jahr sogar noch optimistischer. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass die positive Einschätzung für dieses Jahr sehr stark von den Unternehmen im Energiesektor beeinflusst wird, deren Gewinne vom hohen Ölpreis profitieren.

Dagegen werden für die Finanzwerte und für Unternehmen aus dem Kommunikationsdienstleistungssektor rückläufige Erträge erwartet. Für die Branche diskretionärer Konsum sowie für die Technologieunternehmen aus dem Nasdaq 100-Index werden mehr oder weniger stagnierende Gewinne vorhergesagt.

2023 soll sich das Blatt dann wenden

Während die Gewinne der Energie- und übrigen Rohstoffunternehmen sinken, werden für den diskretionären Konsum Zuwachsraten von mehr als 35 Prozent und für die großen Technologieunternehmen von 15 Prozent erwartet. Dies scheint aus heutiger Sicht zu optimistisch zu sein.

Genau aus diesem Grund kann man unserer Meinung nach noch keine generelle Entwarnung für die Börsen geben.

Dazu ist die Diskrepanz zwischen negativen Makro-Daten und positiven Unternehmensnachrichten zu groß. Von daher spricht zwar einiges dafür, dass die nächsten Wochen an der Börse erfreulich verlaufen, ein Test der alten Tiefstände halten wir aber immer noch für wahrscheinlich. Sollten sich die Börsen nämlich zunächst positiv entwickeln, hätte dies Auswirkungen auf die generellen Finanzierungsbedingungen. Vor allem die US-Notenbank hat diese genau im Blick, um daraus Rückschlüsse für ihre weitere Geldpolitik zu ziehen.

Mit anderen Worten: Je positiver sich die Aktienkurse entwickeln, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Federal Reserve die Zinsen doch stärker erhöht als erwartet – was wiederum die Aktienkurse belasten wird. Aus diesem Teufelskreis gibt es solange kein Entrinnen, solang die Inflationsraten nicht deutlich Richtung zwei oder zumindest drei Prozent sinken.

Autor: Carsten Klude

Carsten Klude studierte nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank VWL mit Schwerpunkt Ökonometrie in Kiel. 1996 kam er zu M.M.Warburg & CO, für die er zunächst die europäischen Kapitalmärkte analysierte und später mit der Leitung des Makro-Research betraut wurde. Seit dem Jahr 2009 ist Herr Klude Mitglied im Investmentrat von M.M.Warburg & CO und verantwortet seit dem Sommer 2013 das Asset Management der Bank. Zusätzlich ist Herr Klude seit dem Jahr 2010 Mitglied im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken e.V., dessen Vorsitz er von 2015 bis 2018 inne hatte.

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