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Digitale Abbildung einer DNA-Helix, umgeben von bunten Molekülen, in rosa und blauen Tönen.

Biotech: Zwischen Innovation, Politik und Marktdynamik

1882 entdeckt Robert Koch den Erreger für die Krankheit Tuberkulose. 13 Jahre später wird durch Zufall die Röntgenstrahlung erfunden und nur zwei Jahre später, durch einen Chemiker der Bayer AG, das Aspirin entwickelt. Diese Entwicklungen bilden den Grundstein für die Pharmaziebranche, aus der sich in den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts die Biotech-Branche entwickelt hat.

Auch heute liefert diese Branche klinische, kommerzielle und operationelle Durchbrüche, die das Leben von Patientinnen und Patienten grundlegend verändern. Dabei verzeichnete das Jahr 2024 einen Höchststand an Patentanmeldungen europäischer Biotech-Unternehmen.

Balkendiagramm zeigt Anstieg europäischer Patentanmeldungen in Biotechnologie von 2014 bis 2024. Quelle: EPOrg.

Schnipp-Schnapp, Zukunft an

Zu den bahnbrechenden Entwicklungen, die sich derzeit in Testphasen befinden, gehört beispielsweise das sogenannte Gene Editing. Dabei werden Zellen gezielt verändert, um Erbkrankheiten ursachenwirksam und dauerhaft auszuschalten, statt ausschließlich Symptombekämpfung zu betreiben. Der nächste große Schritt in diesem Bereich heißt „in vivo“. Hierbei werden die molekularen Werkzeuge des Gene Editing direkt in den Körper der Patienten injiziert, sodass sie ihre Zielzellen unmittelbar erreichen können.

KI und Biotech – Die perfekte Symbiose

Darüber hinaus profitiert die Branche vom rasanten Fortschritt in anderen Technologiefeldern. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz werden Forschung und Entwicklung schneller und kostengünstiger. Die KI unterstützt zum Beispiel bei der Auswertung großer Datenmengen. Ein konkretes Beispiel dafür ist die Übernahme des auf Künstliche Intelligenz spezialisierten Unternehmens InstaDeep durch BioNTech im Jahr 2023. Ziel dieser Übernahme war es, die sich rasant entwickelnden KI-Fähigkeiten in die eigene Technologie, Forschung, Wirkstoffentwicklung, Herstellung und Bereitstellung zu integrieren.

Optimistisches Comeback an den Börsen

In der zweiten Jahreshälfte 2025 holte der Markt den Optimismus der Biotech-Branche ein. Zuvor hatten Preisdruck und regulatorische Debatten in der ersten Jahreshälfte für ein herausforderndes Umfeld gesorgt. Doch dann schien der Markt sein eigenes Heilmittel gefunden zu haben: Über das Gesamtjahr legte der Nasdaq Biotechnology Index auf Euro-Basis um +17,2 Prozent zu und startete mit einem Plus von +0,9 Prozent ins neue Jahr. Beflügelt wurde diese Erholung maßgeblich durch eine deutlich zunehmende Übernahmeaktivität. 2025 wurden knapp 70 größere Transaktionen angekündigt – ein Höchststand im Vergleich der letzten zehn Jahre. Ein Großteil dieser Übernahmen betraf börsennotierte Unternehmen und trug damit direkt zur positiven Renditeentwicklung bei.

Der Biotech Lebenszyklus: Eine Frage des Risikos

Um den Biotech-Markt besser zu verstehen, lohnt ein Blick auf den Lebenszyklus eines typischen Biotechnologie-Unternehmens. Dieser beginnt in der Regel im Labor. In dieser frühen Phase untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neue Ansätze, etwa die Identifizierung neuer Wirkstoffziele, die Entwicklung revolutionärer Therapien oder die Gestaltung fortschrittlicher Diagnostik-Tools. Sobald ein vielversprechender akademischer Durchbruch erzielt wurde, sind zahlreiche Schritte erforderlich, um diese Entdeckung in ein tragfähiges Produkt oder einen therapeutischen Kandidaten zu überführen. Sofern die Grundvoraussetzungen erfüllt sind, kann das Unternehmen in die klinischen Studien übergehen. Im Rahmen von drei Testphasen werden die Entwicklungen an verschiedenen Gruppen getestet.

Gelingt in dieser Phase ein sogenanntes Proof-of-Concept,

also ein erster Nachweis der Wirksamkeit, wird das Interesse von Investoren geweckt. Darunter sind häufig Venture-Capital-Gesellschaften, die bereit sind, das hohe Risiko zu tragen, weil sie im Gegenzug auf überdurchschnittliche Gewinne hoffen. Auch die meisten Firmenübernahmen finden in diesem Zeitraum statt, weil größere Biotech- oder Pharmaunternehmen auf Basis der vorliegenden Daten fundierte Einschätzungen zur Erfolgsaussicht eines Start-ups treffen. Nach erfolgreichen klinischen Studien erteilen regulatorische Behörden wie die FDA in den USA oder die EMA in Europa die Zulassung.

Die Besonderheit dieses Lebenszyklus und die Attraktivität des Biotech-Marktes

liegen primär im Transfer von Risiken über die verschiedenen Entwicklungsphasen hinweg. Fusionen, Übernahmen und Venture-Capital sind ein integraler Bestandteil dieses Systems, da große Konzerne das Risiko einer erfolglosen Produktentwicklung auf diese Weise bewusst auslagern. Die hohe Quote an Rückschlägen in den Testphasen führt dazu, dass ein Großteil der Innovationen von Start-ups vorangetrieben wird.


Orangefarbenes Lotsenboot mit deutscher Flagge fährt durch das Meer, hinterlässt Wellenspur im Wasser.

Vorbereitung auf die Rente:
Unser Auszahlungs-Lotse

Wir übernehmen die Risikoreduktion schrittweise für Ihr Portfolio, ohne das Risiko vollständig zu eliminieren. So reduzieren wir das Risiko eines größeren Marktrückgangs kurz vor Rentenbeginn und sorgen gleichzeitig dafür, dass weiterhin Wachstumspotenzial erhalten bleibt.


Ein nennenswertes Erfolgsbeispiel stellt das Medikament CASGEVY dar

Entsprechend dem Ex-vivo-Gene-Editing-Konzept werden Zellen dem Körper entnommen, im Labor werden gezielte Änderungen am Zellbauplan vorgenommen und die Zellen anschließend wieder in den Körper zurückgegeben. CASGEVY richtet sich an die in Malariaregionen häufig vorkommenden Erbkrankheiten Beta-Thalassämie und die Sichelzellenkrankheit. Unbehandelt führen diese bei Patienten zu starken Schmerzen und einer verringerten Lebenserwartung. Mithilfe der Gene Editing-Therapie können die Ursachen gezielt behoben werden.

Zahlen, Daten, DNA

Bereits vor der Zulassung konnte der Konzern dahinter, CRISPR Therapeutics, ein Proof-of-Concept liefern und eine Kooperation mit Vertex Pharmaceuticals sichern, einem der weltweit führenden Pharmaunternehmen im Bereich seltener Erkrankungen. 2025 überschritt der Umsatz aus CASGEVY die 100-Millionen-US-Dollar-Marke und lieferte damit einen ersten Beleg dafür, dass bahnbrechende Wissenschaft und wirtschaftlicher Erfolg im Biotech-Sektor Hand in Hand gehen können.

Politische Weichenstellung

Die jüngste Markterholung wurde maßgeblich durch politische Weichenstellungen in den USA begünstigt, die der Branche ein gewisses Maß an Planungssicherheit brachten. Den größten Einfluss hatte die im September 2025 bekannt gewordene Vereinbarung der Trump-Regierung mit Pfizer über Medikamentenpreise. Pfizer verpflichtete sich gegenüber dem staatlichen Gesundheitsprogramm Medicaid für Geringverdiener seine verschreibungspflichtigen Medikamente zu den niedrigsten Preisen anzubieten. Im Gegenzug erhielt das Unternehmen eine Ausnahme von angedrohten Strafzöllen auf Arzneimittelimporte. Darüber hinaus gab es Investitionszusagen für künftige Forschung und Produktion in den USA.

Im Dezember 2025 stellte Trump im Rahmen des „Great Healthcare Plan“ das Most-Favored-Nations Preisbildungsprinzip oder kurz MFN vor.

Ein System nach dem Medikamentenpreise in den USA sich zukünftig an dem günstigsten Preis in anderen Referenzindustrienationen richten. An der Börse sorgte die Ankündigung für kurzfristigen Druck, aber die Kurse großer Medikamentenhersteller konnten sich schnell wieder erholen. Wie sich das System schlussendlich auf Preise in den USA auswirkt, ist noch nicht absehbar. Kritisiert wurde die Entscheidung unter anderem vor dem Hintergrund, dass die USA dadurch faktisch industriepolitische Bestimmungen anderer Länder ins eigene Gesundheitssystem integrieren.

Survival of the Fittest

Die USA sind Weltmarktführer in der Biotechnologie aus gutem Grund. Sie verfügen über ein System, das Risikobereitschaft, lange Entwicklungszeiträume und wissenschaftliches Scheitern als Preis eines späteren Erfolgs belohnt. Besonders junge Biotech-Unternehmen in frühen Entwicklungsphasen investieren oft über ein Jahrzehnt und Milliardenbeträge, um eine einzige Therapie vom Labortisch ans Krankenbett zu bringen. Die meisten Programme scheitern.

Das politische Spiel mit dem Feuer

Die wenigen, die Erfolge haben, müssen nicht nur Patientinnen und Patienten helfen, sondern auch die Kapitalströme aufrechterhalten, die die nächste Innovationsgeneration finanzieren. Darüber hinaus treffen Investoren Entscheidungen auf Basis des erwarteten künftigen Werts erfolgreicher Produkte. Wird dieser Wert durch externe Preiskontrollen gedeckelt, die von den Realitäten des US-Marktes abgekoppelt sind, wandert Kapital in andere Bereiche ab. Programme, die auf kleinere Patientengruppen, seltene Erkrankungen oder technisch besonders anspruchsvolle Modalitäten abzielen, werden als Erste verschwinden. Genau in diesen Bereichen hat die Biotech-Branche in den vergangenen Jahren allerdings einige ihrer größten Fortschritte erzielt.

Fallbeispiel BioNTech: Vom Pionier zum Konzern?

Ein deutsches Unternehmen, das seit der Pandemie weltweit ins Rampenlicht gerückt ist und dabei gewissermaßen ein Gegenbeispiel zum klassischen Biotech-Lebenszyklus ist, ist BioNTech. Das Unternehmen entwickelte die erste zugelassene mRNA-Impfung gegen Covid-19 und wurde so einem breiten Publikum bekannt. Gegründet wurde BioNTech im Jahr 2008 von Prof. Dr. Ugur Sahin und seiner Frau Prof. Dr. Özlem Türeci. Ihre Vision: Durch die Erforschung der mRNA-Technologie das Potenzial dieses Moleküls zu erschließen und in der Behandlung von verschiedensten Krankheiten einzusetzen. Die Begeisterung der beiden Gründer für diese Technologie wurde damals von einem Großteil der wissenschaftlichen Gemeinschaft allerdings nicht geteilt.

BioNTechs mRNA-Technologie kann man sich wie einen kurzlebigen Bauplan vorstellen:

Die Impfung enthält einen kleinen Abschnitt Boten-RNA, der Körperzellen die Anleitung gibt, ein harmloses Stück eines Erregers herzustellen. Dieses Stück reicht aus, damit das Immunsystem es erkennt, Abwehrmechanismen aufbaut und später bei einer echten Infektion schneller reagieren kann, ohne dass man dabei dem Virus selbst ausgesetzt ist. Die mRNA dient dabei nur als „Anleitung“ und wird nach der Proteinproduktion wieder abgebaut, so wie mRNA auch sonst im Körper nur kurz verwendet wird.

Umsatz- und Ergebnissäulen für BioNTech SE von 2019 bis 2024, mit Spitzenwerten 2021 und 2022.

Durchbruch in Rekordzeit

Das ursprüngliche Ziel war es, diese Technologie in der Krebsforschung einzusetzen. Doch bereits am 25. Januar 2020 beschloss BioNTech unter dem Namen „Project Lightspeed“, die Entwicklung eines mRNA-Impfstoffs gegen Covid-19 voranzutreiben. In einer Rekordzeit von elf Monaten gelang die Zulassung. Dieser Erfolg ermöglicht BioNTech einen außergewöhnlichen Entwicklungsweg. Die hohen Einnahmen aus den Jahren 2021 bis 2023 schufen einen massiven finanziellen Puffer, der nun die Investitionen in die ursprüngliche Vision finanziert. Damit hat sich das Unternehmen vom Forschungs-Start-up zu einem Konzern entwickelt, der seine weitere Entwicklung durch strategische Zukäufe gezielt vorantreiben kann. Ein Beleg für diese neue Rolle war die Mitte 2025 angekündigte Übernahme des Wettbewerbers CureVac.

Wie geht es weiter?

Die Biotech-Branche steht exemplarisch für ein System, in dem wissenschaftlicher Fortschritt, unternehmerisches Risiko und politische Rahmenbedingungen untrennbar miteinander verknüpft sind. Ob Gene Editing, mRNA-Technologie oder KI-gestützte Forschung: Die Innovationskraft der Branche ist ungebrochen. Gleichzeitig zeigen Entwicklungen wie die MFN-Preisdebatte, dass externe Eingriffe in das Finanzierungsgefüge weitreichende Folgen haben können, besonders für jene Programme, die das größte medizinische Potenzial, aber auch das höchste Entwicklungsrisiko tragen. Wie die Beispiele CASGEVY und BioNTech zeigen, ist der Weg vom Labor ans Krankenbett lang. Wenn er gelingt, verändert er jedoch nicht nur das Leben von Patientinnen und Patienten, sondern gibt der nächsten Generation von Forschern den Beweis, dass es sich lohnt, diesen Weg zu gehen.

Wir bedanken uns bei Sander Florack und Carlos Hoffmann Linhard für diesen Beitrag.

Foto von MJH SHIKDER auf Unsplash

Portrait von Jan Mooren

Autor: Jan Mooren

Jan Mooren hat einen Bachelor der Volkswirtschaftslehre der Universität Hamburg sowie einen Master in Financial Management der Universität Trier. Während seines Studiums absolvierte er drei Auslandsaufenthalte in den USA, Italien und Slowenien. Nach seinem Traineeprogramm bei M.M.Warburg & CO startete er als Analyst im Team Portfolio Solutions.

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