Ausblicke der Unternehmen: Übers Ziel hinausgeschossen?

Nachdem die Wirtschaft seit Mitte März unter den Corona-bedingten Einschränkungen zu leiden hatte und die Konjunktur extrem stark eingebrochen ist, wird sich dies auch in den Unternehmensergebnissen niederschlagen. Muss man sich als Anleger somit auf eine desaströse Berichtssaison einstellen, die dem derzeitigen Börsenaufschwung dann ein Ende bereitet? Warum das eher unwahrscheinlich ist. 

Auch wenn einige Unternehmen bereits ihre Zahlen für das abgelaufene zweite Quartal veröffentlicht haben, beginnt die heiße Phase der US-Berichtssaison erst in der nächsten Woche mit den Quartalsberichten der großen US-Banken. Bis zu den ersten Zahlen deutscher Unternehmen muss man sich noch bis zum 23. Juli gedulden. Covestro und Daimler sind die ersten aus dem DAX, die dann berichten werden.

Warum Anleger nicht vom Schlimmsten ausgehen können

Wir halten das für eher unwahrscheinlich, dass Anleger sich auf eine desaströse Berichtssaison einstellen müssen. Denn die Unternehmensanalysten haben ihre Gewinnschätzungen für das zweite Quartal im Laufe der letzten drei Monate deutlich nach unten korrigiert. Wie üblich vor dem Beginn der Berichtssaison haben sie zuletzt die Hürde, die es für die Firmen zu überwinden gilt, noch tiefer gesetzt. Nach Angaben des Datenbankanbieters Factset wurde Mitte März für den S&P 500 im zweiten Quartal ein Gewinn von 43,62 US-Dollar vorhergesagt. Danach gingen die Prognosen in den Sturzflug über: auf rund 30 US-Dollar Mitte April und bis zuletzt auf weniger als 23 US-Dollar. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Rückgang von 45 Prozent.

Auch wenn es angesichts der Tatsache, dass fast die Hälfte der US-Unternehmen keine Guidance für das zweite Quartal ausgegeben hat, für die Analysten schwieriger als sonst ist, zutreffende Gewinnprognosen abzugeben, halten wir deren Einschätzungen für zu pessimistisch. Denn die schrittweise Öffnung der Wirtschaft seit Mitte Mai, die sich in der Verbesserung diverser makroökonomischer Zeitreihen widerspiegelt, hat bislang keinerlei Auswirkungen auf die Gewinnerwartungen gehabt.

Alle zehn im S&P 500 vertretenen Branchen sollen einen Gewinnrückgang gegenüber dem Vorjahr verzeichnen. Das geringste Minus wird bei den Versorgern (-5,8 Prozent) und bei den Technologieunternehmen (-8,7 Prozent) erwartet. Zwei Branchen soll es dafür besonders hart treffen, die im zweiten Quartal sogar einen Verlust aufweisen dürften:

  • einerseits der zyklische Konsum (dem unter anderem Unternehmen wie Amazon und eBay angehören),
  • andererseits den Energieunternehmen.

Zwar wird sich bei den Ölunternehmen der Einbruch des Ölpreises von rund 46 US-Dollar im ersten Quartal auf gut 28 US-Dollar im zweiten Quartal mit Sicherheit negativ auf deren Gewinne auswirken. Allerdings haben die Analysten ihre Ertragsprognosen bis zuletzt weiter nach unten angepasst, obwohl sich der Ölpreis von seinem Tief Mitte April zuletzt wieder deutlich erholt hat. Ähnliches ist beim Sektor zyklischer Konsum zu beobachten. So sind die Einzelhandelsumsätze im März und April um acht bzw. um 15 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken, im Mai kam es aber mit einem Zuwachs von fast 18 Prozent zu einer überraschend starken Gegenbewegung.

Die Unternehmensanalysten haben an ihren Abwärtsrevisionen der Gewinnerwartungen dennoch festgehalten.

Von daher halten wir es für sehr wahrscheinlich, dass es den meisten Unternehmen gelingen wird, die in sie gesetzten Erwartungen zu übertreffen.

Die US-Berichtssaison sollte demnach weniger enttäuschend verlaufen als vielfach befürchtet wird, sie könnte den Aktienkursen sogar weiteren Rückenwind verleihen.

Wie sieht es in Europa aus?

In Europa ist die Situation ähnlich einzuschätzen. Auch hier haben die Unternehmensanalysten trotz besserer Konjunkturdaten seit Mitte Mai ihre negative Revisionstendenz beibehalten. Wie in den USA gibt es zwei Branchen, für die im zweiten Quartal ein Verlust erwartet wird.

  • Zum einen betrifft dies den Ölsektor,
  • zum anderen die Automobilbranche.

Insgesamt könnten die Abwärtsrevisionen in Europa wie in den USA mittlerweile über das Ziel hinausgeschossen sein.

Wichtiger als das Q2-Zahlenwerk werden die Ausblicke der Unternehmen sein

Nachdem mit den Q1-Zahlen viele Firmen keine konkreten Erwartungen formuliert haben, dürfte und muss dies nun anders werden. Mit der Erholung der Frühindikatoren und der konjunkturellen Bodenbildung sollten die meisten Unternehmen in der Lage sein, einen konkreten Ausblick für die zweite Jahreshälfte und für 2021 zu wagen – natürlich immer an die Bedingung geknüpft, dass es nicht zu einem erneuten Lockdown kommen wird.

Mit den steigenden Neuinfektionszahlen in den USA, die vor allem die drei bevölkerungsreichsten Bundesstaaten Kalifornien, Texas und Florida betrifft, nimmt das Risiko zu, dass die wirtschaftliche Erholung wieder an Tempo verliert. Einige Echtzeitdaten zeigen bereits, dass sich der Anstiegswinkel bei den wirtschaftlichen Verbesserungen abflacht. Dies betrifft beispielsweise die Besucherzahlen von Restaurants und Shopping Malls. Setzt sich diese Entwicklung fort, könnte dies die Rallye an den Aktienmärkten bremsen. Allerdings dürften darunter eher die zyklischen Aktien und Branchen leiden, während die seit geraumer Zeit favorisierten Technologie- und Biotechnologiewerte davon sogar einen weiteren Schub erhalten könnten.

Der stärkste Rückenwind für die globalen Aktienmärkte kommt derzeit ohnehin nicht aus den USA, sondern aus China. Bessere Konjunkturdaten in Form sich erholender Einkaufsmanagerindizes, nachlassender Deflationsdruck, der die Unternehmensgewinne stützt und ein staatlich gewünschter (verordneter?) Aktienmarktboom haben zuletzt zu einer regelrechten Kursexplosion bei chinesischen Aktien geführt. Getragen werden die Kurse u. a. von der Hoffnung, dass die chinesische Wirtschaft schon im zweiten Quartal wieder gewachsen ist und sich in ihrem Windschatten auch die übrige Weltwirtschaft wieder erholt. Da die Notenbanken betonen, an ihrer expansiven Geldpolitik festzuhalten oder möglicherweise noch „innovativer“ (lt. Frankreichs Notenbankpräsident Villeroy) zu werden, dürften die Kurse, getragen von immenser Liquidität, auch bei uns weiter zulegen.

 


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Autor: Carsten Klude

Carsten Klude studierte nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank VWL mit Schwerpunkt Ökonometrie in Kiel. 1996 kam er zu M.M.Warburg & CO, für die er zunächst die europäischen Kapitalmärkte analysierte und später mit der Leitung des Makro-Research betraut wurde. Seit dem Jahr 2009 ist Herr Klude Mitglied im Investmentrat von M.M.Warburg & CO und verantwortet seit dem Sommer 2013 das Asset Management der Bank. Zusätzlich ist Herr Klude seit dem Jahr 2010 Mitglied im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken e.V., dessen Vorsitz er von 2015 bis 2018 inne hatte.

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