Ausblick 2020 (VII): In der Ruhe liegt die Kraft: Die Taktik für das neue Jahr

Der Jahresanfang bietet immer eine gute Gelegenheit, auf das alte Jahr zurückzublicken und sich auf die möglichen Herausforderungen des neuen Jahres einzustimmen und einzustellen. Fangen wir mit dem vergangenen Jahr an: 2019 war für Investoren ein durchweg gutes Jahr, da nahezu alle relevanten Assetklassen und Märkte eine positive Wertentwicklung erlebten. Doch sieht es im Jahr 2020 genau so aus?

Ein Rückblick: Allokationstaktik 2019

Als Asset Manager hat man das Jahr 2019 jedoch zeitweise ambivalenter erlebt, denn einerseits konnte man sich natürlich ebenfalls über die gute Wertentwicklung freuen, musste sich andererseits aber eingestehen, dass das Ausmaß dieser positiven Entwicklung aus fundamentaler Sicht nicht immer nachvollziehbar war. Das machte es sehr schwierig, Portfolios taktisch zu steuern. Denn die taktische Steuerung basiert bei uns immer auch auf einer fundamentalen Einschätzung. Und wenn Konjunkturdaten enttäuschen und Gewinne nach unten revidiert werden, ist dies nach allen Regeln der Kunst eigentlich nicht der Moment, um Aktienquoten weiter anzuheben. Aber genau das hätte man eigentlich das ganze Jahr über machen müssen.

Stattdessen war man geneigt, die Quote für risikobehaftete Wertpapiere sogar nach unten anzupassen, was aus heutiger Sicht ein erheblicher Fehler gewesen wäre.

Womit sich wieder einmal bestätigt, dass die taktische Allokation in gewisser Weise die Königsdisziplin im Portfoliomanagement ist. Denn einerseits ist sie von erheblicher Relevanz für die Wertentwicklung, andererseits sind Fehlentscheidungen nie auszuschließen.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass stärkere taktische Positionierungen immer nur eingegangen werden sollten, wenn eine hohe Konfidenz für die Richtigkeit dieser Entscheidung besteht.

Und es bedeutet auch, dass man immer offen für neue Entwicklungen und Zusammenhänge sein muss – denn „Kochrezepte“ für die taktische Allokation ändern sich andauernd. Beispielsweise haben unsere Berechnungen gezeigt, dass Überbewertungen von Aktien mit dem Verlauf von Renditen zusammenhängen, dies aber leider ohne stabilen Wirkungszusammenhang.

Doch natürlich gibt es immer gewisse Differenzen zwischen dem fundamental „fairen“ Wert und dem tatsächlichen Indexstand. Und jetzt wird es spannend. Denn die Differenz aus beiden Zeitreihen und damit der Umfang der Über- oder Unterbewertung kann recht gut alleine mit dem Zinsniveau erklärt werden. Das Problem daran ist nur, dass sich das Vorzeichen des Zusammenhangs im Laufe der Jahre verändert hat. Während früher eine steigende Rendite mit einer zunehmenden Überbewertung einherging, ist seit 2014 eher das Gegenteil der Fall.

 


Ausblick 2020 (V): Markttechnik: Wie weit trägt die Hausse noch?

Die Aussichten für die Aktienmärkte aus fundamentaler Sicht wurden in vergangenen Beiträgen bereits von uns beurteilt. Kommt die Markttechnik zu denselben vielversprechenden Aussagen?


Reditenchancen und gute Aktienquoten im Jahr 2020?

Das dürfte auch erklären, warum 2019 der Aktienmarkt so durchgestartet ist, obwohl unsere Berechnungen nahelegen, dass aus rein fundamentaler Perspektive 2019 bestenfalls ein moderat positives Jahr hätte werden dürfen. Nun spricht wenig dafür, dass es 2020 wieder zu einem abrupten Sprung des Vorzeichens in dem Zusammenhang von Bewertung und Renditen kommt. Da wir aber davon ausgehen, dass 2020 die Renditen kaum steigen werden, die Gewinne im Laufe des Jahres aber durchaus das Potenzial für leichte Steigerungen haben, ist auch unser Blick auf den Aktienmarkt moderat positiv.

Aus taktischer Perspektive spricht daher sehr viel für eine mindestens neutrale Aktienquote. Doch wenn es nur so leicht wäre! Jeden Tag gibt es neue Informationen, die Szenarien verändern oder sogar dazu führen, dass man sie ganz verwerfen muss. Und von der Politik wollen wir an dieser Stelle gar nicht reden.

Der Angriff der USA auf den iranischen General Soleimani hat nach wie vor das Potenzial, die geopolitische Lage zu verschärfen. Und der Handelskonflikt der USA mit China (und Europa) ist noch lange nicht entschärft.

Selbst beim Brexit ist noch nicht das allerletzte Amen gesprochen, und viele weitere bekannte und unbekannte Unwägbarkeiten warten nur darauf, kurzfristige Unruhe in ein prinzipiell positives Lagebild zu bringen. Genau aus diesem Grund arbeitet man als Asset Manager jeden Tag an den optimalen Portfolios, statt sich einmal zu treffen, den Marschplan für die Allokation festzulegen und sich dann wieder angenehmeren Aufgaben zu widmen.

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In der Ruhe liegt die Kraft – auch bei taktischer Allokation

Dabei zeigt allerdings die Erfahrung der letzten Jahre und Jahrzehnte, dass eine übergroße Hektik in Portfolios selten zum Ziel führt. „Hin und her macht Taschen leer“ ist eine alte Börsenweisheit, die noch immer Bestand hat. Wer immer nur auf die neuesten Neuigkeiten reagiert und dementsprechend Transaktionen vornimmt, läuft Gefahr, komplett prozyklisch zu werden und der Marktentwicklung hinterherzulaufen, statt sie zu antizipieren. Manchmal ist mehr Ruhe im Portfolio die bessere und weisere Lösung. Wie beispielsweise nach der Tötung von General Soleimani. Natürlich hat man im ersten Moment der Nachricht gezuckt und überlegt, ob diese Entwicklung ein Grund für eine Reduktion der Aktienquote sein könnte.

Trotzdem war es bisher richtig, nicht prozyklisch zu reagieren, sondern Ruhe zu bewahren. Denn im Moment der Nachricht wird diese ohnehin rasend schnell in Kursen verarbeitet. Wer hier noch reagiert, ist eigentlich ein Getriebener. Eine gute taktische Allokation zeichnet sich aber gerade dadurch aus, eben nicht getrieben zu werden, sondern Entwicklungen zu antizipieren. Antizipiert werden können aber nur die großen Linien, nicht die kleinen, alltäglichen Verwerfungen. Deshalb ist man gut beraten, auch nicht zu sehr auf sie zu achten und sich davon verrückt machen zu lassen. Der größte Teil dieser täglichen Nachrichten ist nichts weiter als Rauschen.

 Assetmanagent 2020: Gedult und Ausdauer

Es ist am Ende wie bei einem analogen Radio, bei dem die Frequenz über einen Drehregler angesteuert wird (die Älteren unter uns wissen noch, wovon ich spreche). Fast im ganzen Spektrum der Frequenzen hört man es Rauschen, und nur an einigen wenigen Stellen gibt es einen klaren Empfang. Als Asset Manager wird man vom Kunden dafür bezahlt, die Kanäle zu finden, auf denen nachhaltig belastbare Informationen zu finden sind und eben nicht nur Rauschen. Dafür braucht man Geduld, Ausdauer und einen Kompass, der einem zumindest die grobe Richtung vorgibt. Dieser Kompass ist für uns nach wie vor die fundamentale Großwetterlage, die sich 2020 allmählich bessern sollte. Damit ist der Rahmen für die taktische Allokation im neuen Jahr abgesteckt. Wenn keine extremen Ereignisse passieren, spricht viel für eine leicht offensive Ausrichtung mit einer Betonung in Märkten und Werten, die von einer zyklischen Stabilisierung profitieren können. Und das alles ohne Hektik, denn in der Ruhe liegt die Kraft.

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