„Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen und reich werden“

Wer schon ein klein wenig älter ist und eine Affinität zu Finanzmärkten hat, wird sicher André Kostolany kennen. Was der Spekulant und Finanzexperte mit der Börsenweisheit meint, dass man erst Aktien kaufen und dann Schlaftabletten nehmen solle um schließlich aufzuwachen und festzustellen, dass man reich geworden sei. Und warum Kostolany mit dieser Aussage richtig lag.

André Kostolany: Der Grandseigneur der Finanzszene

Der 1906 in Budapest geborene Spekulant und Finanzexperte war bis in die späten 90er Jahre angesichts seines Scharfsinns, seiner Anlageerfolge, seiner unabhängigen Art zu Denken sowie seiner gewaltigen Lebenserfahrung ein allseits geachteter Grandseigneur der Finanzszene. Unvergessen ist sein Auftritt in der NDR-Talkshow im Jahr 1998, wo er auf absurde Bewertungen und nahezu kriminelle Machenschaften am damaligen sog. Neuen Markt hinwies und dafür heftige Kritik einstecken musste – am Ende sollte er mit seiner Einschätzung jedoch Recht behalten, auch wenn er das Platzen der Blase im Jahr 2000 leider nicht mehr erlebte.

Unsterblich ist Kostolany aber auch durch seine Börsenweisheit geworden, dass man Aktien kaufen und Schlaftabletten nehmen solle um später aufzuwachen und festzustellen, dass man reich geworden sei.

Viele Jahre wurde man allerdings für eine solch einfache Art der Betrachtung belächelt. Vor allem im institutionellen Bereich gilt es zuweilen als oberste Tugend, täglich, ja sogar stündlich die Wertentwicklung von Portfolios zu verfolgen und bei Einbrüchen dementsprechend zu reagieren.

Risikobudgets und Wertuntergrenzen immer im Blick

Im Zentrum steht das Einhalten von Risikobudgets und Wertuntergrenzen. Oftmals geschieht dies jedoch gar nicht aus tiefster investmentphilosophischer Überzeugung, sondern weil regulatorische Vorgaben vorliegen, die Investoren zu dieser Art der Portfoliosteuerung zwingen. Privatkunden unterliegen aber nicht diesen Vorgaben und könnten eigentlich von kurzfristigen Rückschlägen und Risikobetrachtungen abstrahieren. Und wenn man tatsächlich sein Geld erst in vielen Jahren benötigt, warum sollte man dann prozyklisch auf temporäre Einbrüche reagieren, indem man mechanistisch und reflexartig Risiken reduziert? Besonders augenfällig wird die Frage mit Blick auf die allerjüngste Geschichte.

Was tun mit den Aktienquoten in der Corona-Krise?

In der Corona-Krise sind die Kurse im Februar und März in dramatischem Umfang eingebrochen, um dann fast ebenso schnell wieder anzusteigen. Wer einen besonderen Wert auf die Risikosteuerung legte, konnte gar nicht anders, als in dieser Phase die Aktienquoten zu reduzieren. Wenn man dies hinreichend früh in einer solchen Korrekturphase tut, ist das für den Investor durchaus von Vorteil. Die Kunst aber besteht darin, den unteren Wendepunkt zu antizipieren und auch rechtzeitig die Aktienquoten wieder auf die alten Niveaus aufzustocken. Das ist selten einfach und war in dieser Krise sogar besonders schwer, da zumindest aus Bewertungssicht selbst zum Tiefpunkt der Talfahrt an den Aktienmärkten nicht ernsthaft von einer attraktiven Bewertung gesprochen werden konnte.

Nicht den Hauch einer Chance, an dieser Aufholjagd der Börsen zu partizipieren

Wir haben in einer Publikation im März selbst darauf verwiesen, dass zu dem Zeitpunkt ein Großteil der Aktien weltweit bei diversen Bewertungskennzahlen noch keine attraktive Bewertung relativ zur eigenen Historie aufwies und damit ein unmittelbar bevorstehender Wendepunkt nicht unbedingt eine naheliegende Arbeitshypothese darstellte. Trotzdem begannen die Kurse schon einige Tage später wieder zu steigen. In Europa sind die Verluste inzwischen je nach betrachtetem Index zu einem vergleichsweise großen Teil wieder aufgeholt, während in den USA die Verluste sogar komplett aufgeholt werden konnten. Wer nur auf das Risiko geschaut hat und dementsprechend prozyklisch Risiken abbaute, hatte nicht den Hauch einer Chance, an dieser Aufholjagd der Börsen zu partizipieren. Wer aber – um im Sprachgebrauch Kostolanys zu bleiben – einige Schlaftabletten genommen hatte, konnte dagegen relativ entspannt mit der Situation umgehen und freut sich nun wieder über vergleichsweise hohe Portfoliowerte.

Nicht immer erholen sich Märkte so schnell wie in den letzten Monaten

Natürlich ist diese Betrachtung ein wenig holzschnittartig. Nicht immer erholen sich Märkte so schnell wie in den letzten Monaten, und es ist alles andere als ausgeschlossen, dass es zu einer zweiten Korrekturwelle an den Märkten kommt. Daher sollte man es mit dem Konsum an Schlafmitteln vielleicht nicht übertreiben, zumal der Investmenthorizont auch bei einem Privatanleger nicht unbedingt mehrere Jahrzehnte beträgt.

Doch welcher Investmenthorizont wäre geeignet, um selbst bei einem riskanten Portfolio ruhig schlafen zu können?

Wir haben versucht, dies anhand einer Simulation auf Basis historischer Daten zu beantworten. Dabei stand die Frage im Raum, wie lange ein Investmenthorizont mindestens sein sollte, um mit hinreichender Sicherheit auch bei einem vergleichsweise risikoreichen Multi-Asset-Portfolio wenigstens eine Null-Rendite erlangen zu können.

Ausgangspunkt für diese Berechnungen war die strategische Allokation eines global aufgestellten Multi-Asset-Portfolios mit einer Aktienquote von 60%. Wir haben die statistischen Eigenschaften der historischen Wertentwicklung dieser Portfoliostruktur genutzt, um damit tausende möglicher Renditepfade zu erzeugen, die wiederum dazu verwendet wurden, Wahrscheinlichkeiten über die Renditeverteilung in Abhängigkeit von der Laufzeit des Investments treffen zu können. Dabei haben wir berücksichtigt, das vor allem auf der Seite der Anleihen in Zukunft in keiner Weise mehr Renditen erzielt werden können, wie dies in der Vergangenheit der Fall war.

Das Ergebnis der Simulation schaut dabei wie folgt aus

Der Erwartungswert der p.a.-Rendite für dieses Portfolio liegt vor Kosten und ohne taktische Allokation und ohne aktive Selektion bei 5,2%. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 5% wird aber auch nach 10 Jahren keine Rendite oberhalb von null Prozent erreicht.
Mit anderen Worten: Wer 10 Jahre warten kann, darf sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% auf eine Rendite oberhalb von Null Prozent freuen, wenn er nicht zwischendurch die Nerven verliert und aussteigt, um Risikokennzahlen und Risikobudgets einzuhalten. Wer noch ein wenig länger wartet, kann negative Renditen nahezu komplett ausschließen.

Genau das ist es, was Kostolany mit seinem Schlaftabletten-Gleichnis meinte.

Die Zeit arbeitet für den, der die Zeit hat.

Wer diese Zeit nicht hat und aufgrund von (regulatorischen) Vorgaben zu Bilanzstichtagen nachweisen muss, gewisse Wertuntergrenzen nicht unterschritten zu haben, muss zwangsläufig nach intelligenten Ansätzen suchen, die besonders effizient mit den Risikobudgets umgehen. Wer jedoch von diesen Vorgaben nicht betroffen ist, sollte diese Freiheit genießen und zu seinem Vorteil nutzen.
Denn jeder Versuch, Risiken beherrschbarer zu machen, muss unweigerlich zu einer Verringerung der zu erwartenden Rendite führen. Das ist in gewisser Weise die Versicherungsprämie, die man dafür zahlt, dass vorher definierte Risiken nicht eintreten. Wer mit solchen Risiken kurzfristig leben kann, sollte daher auch nicht die Versicherungsprämie zahlen und statt dessen auf Kostolany und seine Schlaftabletten setzen.

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Kostolany war nie ein Fürsprecher für passives Investieren – ganz im Gegenteil, er darf als extrem aktiver Investor gelten. Was Kostolany nicht mochte war das reflexartige Reduzieren von Aktienquoten, um kurzfristig Risikokennzahlen einzuhalten. Unsere Simulationen zeigen, dass er damit bis heute recht hat.

 


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Autor: Dr. Christian Jasperneite, Chief Investment Officer

Dr. Christian Jasperneite studierte an der Universität Passau VWL und promovierte anschließend an der Universität Passau am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Harvard University begann er im Jahr 2000 als Analyst im Makro-Research von M.M.Warburg & CO. Seit Anfang 2009 ist Dr. Jasperneite Chief Investment Officer bei M.M.Warburg & CO und verantwortet dort u.a. Fragen der strategischen und taktischen Allokation sowie der Portfoliokonstruktion und der Produktentwicklung.

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