Japan: Neue Feiertage und höhere Mehrwertsteuer belasten das Wachstum

Nachdem die Notenbank bisher von einer Preissteigerungsrate in Höhe von 1,4 Prozent für das am 1. April beginnende neue Fiskaljahr ausgegangen war, wird nun lediglich eine Steigerung um 0,9 Prozent erwartet. Man kann sich trefflich darüber streiten, ob das allerorts postulierte Inflationsziel von zwei Prozent sinnvoll ist oder nicht – erreichen werden es die Japaner auch 2019 nicht annähernd. 

Bei ihrer ersten Sitzung im neuen Jahr hat die Bank of Japan, wie erwartet, die Zinsen dort gelassen wo sie waren und gleichzeitig den Inflationsausblick erneut gesenkt. Die Zielrendite für 10-jährige Anleihen blieb mit null Prozent ebenso unangetastet wie der Negativzins auf Einlagen in Höhe von 0,1 Prozent. Nachdem die Notenbank bisher von einer Preissteigerungsrate in Höhe von 1,4 Prozent für das am 1. April beginnende neue Fiskaljahr ausgegangen war, wird nun lediglich eine Steigerung um 0,9 Prozent erwartet. Man kann sich trefflich darüber streiten, ob das allerorts postulierte Inflationsziel von zwei Prozent sinnvoll ist oder nicht – erreichen werden es die Japaner auch 2019 nicht annähernd. Die seit Jahren ultralockere Geldpolitik im Land der aufgehenden Sonne dürfte also auf unbestimmte Zeit fortgeführt werden.

Die geringe Inflation verwundert…

… angesichts der zunehmend angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt. Offenbar geht es mit den von der Regierung und Notenbank gewünschten Lohnzuwächsen kaum voran. Sehr zum Missfallen von Ministerpräsident Abe verzichtet der Arbeitgeberverband Keidanren in diesem Jahr sogar demonstrativ auf Empfehlungen für die im Frühjahr anstehenden Tarifverhandlungen. Noch im vergangenen Jahr wurde eine Erhöhung von mindestens drei Prozent gefordert, um die Bemühungen der Administration für höhere Preissteigerungsraten zu flankieren. Allerdings sorgten rückläufige Rohstoffpreise und ein etwas stärkerer Yen bis zum Jahreswechsel auch für eine geringer als erwartete importierte Inflation.

Für das Wirtschaftswachstum im neuen Fiskaljahr bleibt die Notenbank trotz ungelöster Handelskonflikte, einer Eintrübung der Konjunktur in China und der nun nach mehrfachen Verschiebungen für den Herbst geplanten Mehrwertsteuererhöhung von acht auf zehn Prozent erstaunlich optimistisch. Immerhin wird ein Plus von 1,3 Prozent prognostiziert. Der IWF ist etwas vorsichtiger und rechnet mit 1,1 Prozent. Die Unsicherheit angesichts der Vielzahl ungelöster Probleme wurde jedoch bereits 2018 mit einer Berg und Talfahrt von Quartal zu Quartal offensichtlich, und sie dürfte auch im laufenden Jahr anhalten. Nach einem BIP-Rückgang von 0,6 Prozent in Q3 konnte das vierte Quartal wieder mit einem positiven Wachstum von 0,4 Prozent abgeschlossen werden.

 

 

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Japan rechnet mit Konsumanstieg

Trotz der vielen Risiken rechnet die japanische Regierung weiterhin mit einem Anstieg der privaten Konsumausgaben um stolze 2,7 Prozent. Auch wenn Vorzieheffekte im Vorfeld der für Oktober geplanten Mehrwertsteuererhöhung wahrscheinlich sind, halten wir diese Einschätzung doch für recht ambitioniert. Nach der bisher letzten Erhöhung der Steuer im April 2014 brach der private Konsum regelrecht ein. Die zur Abmilderung der Folgen geplanten Vergünstigungen bei der Besteuerung von Kraftfahrzeugen und Immobilienkrediten dürften für eine Neutralisierung der negativen Effekte nicht ausreichen.

Ursachen, die Wachstum und Stabilität schwächen könnten

Neben den globalen Unsicherheiten und der Mehrwertsteuererhöhung könnten sich 2019 auch einige hausgemachte Baustellen als hinderlich für Wachstum und Stabilität erweisen. Zum einen steigen die Staatsausgaben im Zusammenhang mit der Flankierung der Mehrwertsteueranhebung, höherer Militärausgaben und der Finanzierung einer kostenfreien Kinderbetreuung laut Haushaltsentwurf um fast vier Prozent an. Damit wird erstmals die Schwelle von 100 Billionen Yen (793 Mrd. Euro) überschritten. Finanziert wird die expansive Fiskalpolitik zu einem Drittel durch die Ausgabe neuer Staatsanleihen. Aufgrund der Steuermehreinnahmen geht zwar die Neuverschuldung tatsächlich das siebte Jahr in Folge zurück. Die Primärlücke im Haushalt wird jedoch nach Aktualisierung des Datenkranzes nun erst 2025 geschlossen – geplant war dies ursprünglich einmal für 2020!

Zum anderen wird in diesem Jahr Kaiser Akihito nach 30 Jahren Amtszeit am 30. April abdanken und die Krone an seinen Sohn Naruhito abgeben. In Japan ist dies mit einer Reihe von zusätzlichen Feiertagen verbunden. Der 1. Mai als Tag der Inthronisierung fällt in die sogenannte Goldene Woche, sodass es vom 27. April bis 6. Mai zu einer durchgehenden Periode von 10 Feiertagen kommen wird. Die Krönung am 22.10. führt erneut zu einem einmaligen Feiertag. 2020 werden der 23. Februar (Naruhitos Geburtstag), und der 20. April (Zeremonie für den neuen Kronprinzen Akishino) zum Feiertag erklärt. Gemildert wird die Bilanz deutlich weniger Arbeitstage nur durch den Wegfall des Feiertages am 23. Dezember (Geburtstag des bisherigen Tenno).

Japanischer Kapitalmarkt: Ist eine Investition sinnvoll?

Als ob dies alles nicht schon genug Stoff für eine zumindest temporär vorsichtigere Haltung gegenüber dem japanischen Kapitalmarkt wäre, kommen nun auch noch Berichte über jahrelang falsche Daten vom japanischen Arbeitsmarkt an die Öffentlichkeit. Die vom Arbeitsministerium erhobenen Daten waren seit 2004 Grundlage für Renten- und Arbeitslosengeldberechnungen. Wie sich jetzt herausstellt, wurden die landesweiten Lohndurchschnitte viel zu niedrig angesetzt, mit negativen Folgen für die schwächeren Einkommensgruppen. Nach dieser peinlichen Panne sieht sich die Regierung veranlasst, weitere ökonomische Daten in Bezug auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Selbst die Notenbank ist schwer enttäuscht, werden doch die genannten Zeitreihen auch für die Berechnung der Output-Lücke und damit letztlich der Deflation genutzt. Insgesamt 40 von 56 permanent erhobenen Zeitreihen werden inzwischen angezweifelt.

Wenn die Weltwirtschaft tatsächlich am Anfang eines länger anhaltenden Abschwungs steht oder sich die latenten Krisenherde weiter verstärken, könnte dies für Anlagen in Japan zusätzlich ungemütlich werden. Japan ist immerhin der größte Nettogläubiger der Erde und japanische Anleger halten überproportional hohe Bestände an ausländischen Wertpapieren. In früheren Krisenzeiten haben japanische Investoren ihre globalen Investitionen reduziert und Kapital in nennenswertem Umfang repatriiert. Regelmäßig führte dies in der Folge zu einem starken Yen und zu schwächeren Kursen am Kabutocho. Es ist noch keineswegs ausgemachte Sache, dass dies so und nicht anders unmittelbar bevor steht. Angesichts der sich verhärtenden Fronten bei den globalen Handelskonflikten und unter Berücksichtigung der schwächer werdenden Konjunkturdaten ist die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario jedoch gestiegen.

Aussichten für 2019

Japanische Aktien galten in den Vorhersagen für 2018 als aussichtsreich, unterbewertet und gut zur Diversifizierung globaler Depots geeignet. In den Prognosen für 2019 ist man nach den Ergebnissen des Vorjahres nun etwas demütiger geworden. Das Wachstum der Unternehmensgewinne dürfte angesichts der beschriebenen Einflussfaktoren nicht so stark ausfallen wie erwartet. Politische Stabilität, eine signifikante Verbesserung der Corporate Governance, zunehmende Aktienrückkäufe und die latente Unterbewertung sprechen zwar langfristig für ein Engagement in japanischen Aktien. Die beschriebenen, spezifischen und möglicherweise einmaligen Belastungen im laufenden Jahr lassen uns jedoch im Moment zur Vorsicht raten.

Sie interessieren sich für unsere News-Artikel? Die Aktienmärkte sind mit viel Schwung und positiver Energie in das neue Jahr gestartet. Lesen Sie in unserem letzten Beitrag, ob wir glauben, ob sich diese Entwicklung auch so fortsetzen wird.

 

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Autor: Dr. Frank Geilfuß

Dr. Frank Geilfuß studierte an der Berliner Humboldt Universität Wirtschaftswissenschaften und promovierte am Lehrstuhl Weltwirtschaft. Nach einigen Jahren in Forschung und Lehre des Fachbereiches VWL begann er 1991 als Analyst im Research des Bankhauses Löbbecke. Seit 1998 ist er Chefvolkswirt der Bank und seit 2008 Leiter der Vermögensverwaltung. Seit der Übernahme des Bankhauses Löbbecke durch M.M.Warburg & CO arbeitet er außerdem im Bereich Makroökonomie und im Investmentrat. Darüber hinaus ist Dr. Geilfuß Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Humboldt Universität und erfüllt mehrere
Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen.

Bildcredit: BeneA / photocase.de