So richtig glauben konnte es Premierminister Shinzo Abe selbst nicht. Hat er tatsächlich vergangenen Sonntag bei vorgezogenen Neuwahlen mit seiner Liberaldemokratischen Partei (LDP) mehr als die Hälfte aller Sitze im japanischen Parlament erkämpft? Bei einer Fortsetzung der bewährten Koalition mit der kleinen shintoistischen Komeito Partei reicht es wahrscheinlich sogar für eine Zweidrittelmehrheit, sodass ein Durchwinken der angekündigten Verfassungsänderungen problemlos möglich wäre. Wieder einmal waren die Prognosen im Vorfeld völlig andere. Noch im August hinterließen Vorwürfe der Vetternwirtschaft und mutmaßlicher Gefälligkeiten für politische Freunde und Unterstützer deutliche Kratzer am liberaldemokratischen Lack. Die Idee, auf dem Fundament einer robusten wirtschaftlichen Entwicklung Wahlen vorzuziehen, um sich die Macht für weitere vier Jahre zu sichern, erschien plötzlich gar nicht mehr so schlau. Neue politische Kräfte, mit denen vor dem Sommer fast niemand gerechnet hatte, erschienen mit populären Programmen auf der politischen Bühne und konnten dabei dankbar auf die Skandale der Regierenden verweisen. Deren Uneinigkeit und Unerfahrenheit hat das Establishment der regierenden LDP jedoch eiskalt genutzt und mit dem vorgezogenen Termin gleichzeitig den beginnenden Prozess der Formierung ernsthafter Konkurrenten wieder beendet. Letztlich konnte weder die Demokratische Partei noch die von der populären Tokioter Gouverneurin Yuriko Koike gegründete „Partei der Hoffnung“ den erneuten Triumphzug Abe’s verhindern.

Neben einer schwachen Opposition und einem Taifun, den die Wetterexperten mit „Harvey“ vergleichen und der viele Wähler vom Gang zu den Wahlurnen abhielt (die Wahlbeteiligung lag auf einem historischen Tiefstand von knapp 50 Prozent) war wohl auch der nordkoreanische Präsident Kim Jong-un mitverantwortlich für das nun vorliegende Ergebnis. Die Eskalation der Drohungen zwischen Washington und Pjöngjang hinterließ in Japan ebenso viel Angst wie die im Japanischen Meer landenden nordkoreanischen Raketen. Abe hat dies genutzt und eine „nationale Krise“ beschworen, für deren Überwindung er und nur er ein klares Mandat benötige. Die Opposition war sich nicht einig in dieser Frage und konnte nur Experimente statt einer tragfähigen und vereinten Strategie anbieten. In Krisen greift man jedoch lieber – nicht nur in Japan –auf Bewährtes zurück.

Angesichts der Bedrohungen aus Nordkorea wird es dem wiedergewählten Präsidenten das erste Anliegen sein, die angespannte Stimmung zu nutzen, um sein Lieblingsprojekt einer Verfassungsänderung durchzusetzen. Die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gültige pazifistische Verfassung, die Japan erhebliche militärische Beschränkungen auferlegt, soll gekippt werden. Das würde auch die Männerfreundschaft zu Donald Trump festigen, der sich bekanntermaßen mehr solcher Kollegen an den Schalthebeln der Macht wünscht. Bei der eigenen Bevölkerung ist das Projekt eher umstritten, mehr als 50 Prozent der Japaner lehnen eine Verfassungsänderung in dieser Frage ab.

Darüber hinaus will die LDP im Zusammenwirken mit der japanischen Notenbank auch in der Wirtschaftspolitik den eingeschlagenen Kurs weiter fortsetzen. Nach anfänglichen Reibungsverlusten war dieser inzwischen auch messbar und erfolgreich. Ziel der Bank von Japan bleibt es, den Yen zu schwächen. Mit Hilfe einer schwachen Währung soll einerseits Inflation importiert und andererseits die Ertragskraft der Exportindustrie optimiert werden. Tokio erklärt den in Washington und anderen Orten argwöhnisch beobachteten Wechselkurseffekt als Kollateralschaden. Die anhaltenden, massiven Käufe von Staatsanleihen und die damit verbundene Erhöhung der Geldmenge diene ausschließlich der Verhinderung eines Rückfalls in die Deflation. Zur Erreichung dieses Ziels wird die extrem lockere Geldpolitik fortgesetzt; allein in diesem Jahr werden Staatsanleihen im Wert von 600 Milliarden Euro und Aktien-Indexfonds für 45 Milliarden Euro gekauft.

Die inzwischen schon bedrohlichen Engpässe am Arbeitsmarkt (zuletzt kamen auf 151 Jobangebote nur 100 Jobsuchende) sollen auch weiterhin ohne Zuwanderung bewältigt werden. So soll unter anderem eine Erhöhung und Kanalisierung der Sozialleistungen (Ausbau der Betreuungskapazitäten für Kinder und pflegebedürftige alte Menschen) dafür sorgen, dass mehr Frauen in den Arbeitsmarkt integriert werden. Denn allein in diesem Jahr geht der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung um mehr als 800.000 Personen zurück. Ein neues Konjunkturpaket zur Bekämpfung dieser Misere über insgesamt 15 Milliarden Euro soll zu diesem Zweck noch in diesem Jahr geschnürt werden. Der immer angespanntere Arbeitsmarkt sollte in absehbarer Zeit zu etwas höheren Löhnen und Gehältern führen und damit auch zu höheren Einzelhandelsumsätzen und mehr Investitionen in langlebige Konsumgüter.

Positive Entwicklung der Corporate Governance

Wir konstatieren neben diesen makroökonomischen und geldpolitischen Weichenstellungen auch positive Veränderungen in Bezug auf die japanische Unternehmensführung, die zu immer spürbareren Effekten für die Anleger führt. Die Entdeckung des Shareholder Value mit einer anlegerfreundlichen Ausschüttungspolitik sowie eine offenere Unternehmenskommunikation haben die bis vor wenigen Jahren übliche konspirative Öffentlichkeitsarbeit abgelöst. Die Dividendenrenditen sind im Durchschnitt des 2000 Werte umfassenden marktbreiten Topix-Index seit 2012 um fast 60 Prozent gestiegen. Zudem werden vermehrt Aktienrückkaufprogramme eingesetzt. Japans Firmen haben im Nachgang zur weltweiten Finanzkrise riesige Barreserven angehäuft. Das Finanzministerium in Tokio beziffert diese auf den Rekordwert von 1,5 Billionen Euro, die zunehmend aktionärsfreundlich verwendet werden. Auch die Profitabilität der Unternehmen konnte in den vergangenen Jahren aufgrund zahlreicher Rationalisierungen überproportional stark zulegen. Die durchschnittliche Eigenkapitalrendite der japanischen Unternehmen stieg deutlich auf nun 8,1 Prozent. Trotz des Anstiegs der Aktienmärkte auf ein 20-Jahres-Hoch ist die Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 14,5 und einem Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) von 1,3 vergleichsweise moderat. Knapp 60 Prozent der Unternehmen werden aktuell unter ihrem inneren Wert gehandelt. Ganz nebenbei konnten die Unternehmen innerhalb der letzten zehn Jahre ihre Verschuldung halbieren.

Als kurstreibend für japanische Aktien könnten sich auch Faktoren herausstellen, die eher struktureller Natur sind. Kapitalanlagen großer Pensionskassen und der Notenbank, aber auch ein wieder wachsendes Interesse der bisher eher unterinvestierten internationalen Investoren könnten zu einer Fortsetzung des Höhenflugs beitragen. Japan rückt jedoch auch aufgrund anderer Faktoren wieder stärker in den Fokus der Anleger. Herausragende Innovationen, wie das erste fast nur von menschenähnlichen Robotern betriebene Hotel in Nagasaki oder die pünktlich zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio geplante Schnellbahn, die für die 550 km bis nach Osaka nur noch eine Stunde benötigt, sind Ausdruck einer Innovationsfreude, die anderen Ortes so kaum zu finden ist. Schon seit Jahrzehnten sind die japanischen Investitionen in Forschung und Entwicklung sowohl absolut als auch relativ signifikant höher als in fast allen anderen Industrieländern. Dies dürfte in einer Zeit, in der Wachstum immer stärker aus den Korrekturen vergangenen Fehlinvestitionen generiert wird, ein enorm bedeutender Faktor sein.

Gute Aussichten für Aktienmärkte in naher Zukunft

Die langfristigen Aussichten für die alternde japanische Volkswirtschaft bleiben unserer Meinung nach trotz all dieser hoffnungsvoll stimmenden Ansätze allerdings mäßig. Irgendwann werden die begrenzten eigenen Bevölkerungsressourcen erschöpft sein, die Alterung macht keine Pause, und Roboter kaufen weder Mobiltelefone, noch Automobile. Aus Anlegersicht haben japanische Aktiengesellschaften aber zumindest auf Sicht der nächsten Monate mehr Aufmerksamkeit verdient als noch vor einiger Zeit. Während in den USA die Zinsen moderat steigen und in Europa die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank zurückgeführt werden, ist in Japan davon keine Rede. Der schwache Yen dürfte die Exporte weiter beflügeln und die Nachfrage nach japanischen Aktien angesichts einer nirgends so eklatanten Negativverzinsung ankurbeln. Auch wenn viele der beschriebenen Tatsachen bereits in den Kursen eingepreist zu sein scheinen und die Aktienindizes sich in der Nähe ihrer 20-Jahres-Hochs bewegen, sind interessante Titel in Japan keine Mangelware. Dabei muss jedoch nach wie vor die entgegengesetzte Entwicklung zwischen dem Yen und der japanischen Börse einkalkuliert werden. In diesem Jahr hat der Nikkei 225 in Yen gerechnet bisher rund 13 Prozent zugelegt und befindet sich damit auf Augenhöhe mit dem DAX. In Euro gerechnet bleiben von diesem schönen Ergebnis jedoch nur 4 Prozent übrig. Daher gehört zu einem Japaninvestment auch immer eine sorgfältige Analyse der Wechselkursentwicklung. Wie sagt schon ein altes japanisches Sprichwort: „Es ist besser, daran zu denken, wie man nicht verliert, als daran, wie man gewinnt“.