Die europäische Geldpolitik und Bankenregulierung: Ein Weckruf

Die eigentliche Rolle der Bank

Wer vor zehn oder zwanzig Jahren gefragt wurde, was die Bank, bei der man arbeite, eigentlich mache, konnte diese Frage in den meisten Fällen schon mit einem Wort umfänglich beantworten: „Fristentransformation“. Fristentransformation ist sowohl für eine Bank als auch für die Volkswirtschaft eine geniale Erfindung. Für die Bank ist sie von Vorteil, da mit ihr ein vergleichsweise planbarer Ertrag generiert werden kann, der die Bank in ihrem Bestand sichert und ihr erlaubt, Eigenkapitalvorsorge für schlechte Zeiten zu betreiben. Für die Volkswirtschaft ist die Fristentransformation bedeutsam, da sie das Bindeglied zwischen der Ersparnis der Bürger und den Investitionen der Wirtschaft ist. Eine Volkswirtschaft ohne Instrumente der Fristentransformation täte sich deutlich schwerer, Investitionen zu finanzieren und gleichzeitig Privatkunden einen Zins auf ihre Bankeinlagen zu zahlen.

Dabei ist die Fristentransformation hinsichtlich ihrer Mechanik einfach zu erklären. Angenommen, eine große Anzahl von Privatkunden hat jeweils einen kleinen Betrag auf ihrem Giro- oder Festgeldkonto mit kurzen Laufzeiten. Da nicht damit zu rechnen ist, dass alle Kunden am gleichen Tag alles Geld von der Bank abziehen werden, kann ein Teil dieser Einlagen von der Bank genutzt werden, um langlaufende Kredite zu vergeben oder aber den Staat langfristig zu finanzieren, indem die Bank Bundesanleihen mit einer Laufzeit von mehreren Jahren erwirbt.

Natürlich kann die Bank nicht die komplette theoretisch verfügbare Summe an Einlagen für Kredite und Investitionen in Wertpapiere verwenden. Ein Teil der Einlagen muss bei der Zentralbank „geparkt“ werden. Früher gab es dafür einen kleinen Zins. Das Rechenbeispiel dazu ist einfach. Angenommen, der Zins auf diese Einlagen bei der Zentralbank lag bei zwei Prozent. Die Bank gewährte dem Privatkunden einen Zins leicht unterhalb dieses Einlagenzinses und generierte somit eine Marge. Die Höhe der Marge ergab sich aus dem Wettbewerb zwischen den Banken. Der restliche Teil der Einlagen wurde als Kredit vergeben oder für Investitionen in Wertpapiere verwendet. Da die Risiken hier etwas höher liegen, ergab sich daraus eine noch etwas höhere Marge. Auch hier bestimmte am Ende immer der Wettbewerb und der Markt, wie hoch diese Marge im Einzelfall ausfiel.

Banken konnten in dieser Welt gut leben, und die Volkswirtschaft – und damit Privatkunden und Unternehmen – profitierten insgesamt von den Effekten und Auswirkungen einer funktionierenden Fristentransformation. Ach, was waren das doch für schöne Zeiten!

Wie sieht die Welt für Banken heute aus?

Auf den ersten Blick gar nicht so viel anders. Wer jedoch hinter die Kulissen schaut, erkennt dramatische Verwerfungen mit den negativen Effekten einer zunehmend gestörten Fristentransformation. Natürlich existieren auch heute Bargeldeinlagen von Privat- und Geschäftskunden. Im Gegensatz zu früher lässt sich damit aber keine Marge mehr erzielen. Denn der Einlagenzins der EZB liegt bei -0,4%, wobei die Banken kaum in der Lage sind, diesen Zins an Kunden weiterzugeben. Im Ergebnis führt dies i.d.R. dazu, dass eine Bank mit jedem zusätzlichen Euro, den ein Kunde auf sein Konto überweist, einen noch größeren Verlust macht.

Sicher ließe sich an dieser Stelle einwenden, dass die Bank die Einlagen der Kunden ja nicht zwangsläufig bei der Notenbank „parken“ müsse, sondern zumindest zu einem gewissen Teil für Kredite oder zur Staatsfinanzierung (über den Kauf von Anleihen) ausgeben könne, um im klassischen Sinn Fristentransformation zu betreiben. Und genau hier liegt der Haken. Denn der Kauf von Anleihen lohnt sich vor dem Hintergrund der QE-Politik der EZB fast nicht mehr. Der Kauf von Aktien wäre eine theoretische Alternative (Aktien haben im Prinzip eine ewige Laufzeit, damit läge hier sogar eine perfekte Fristentransformation vor), doch aufgrund von regulatorischen Vorgaben sind dem sehr enge Grenzen gesetzt.

Zu allem Überfluss ist durch die ausufernde Bankenregulierung der letzten Jahre auch die Kreditvergabe und der damit intern notwendige Prozess so kompliziert geworden, dass die zu erzielende Marge kaum noch hoch genug ist, die Risiken und Kosten adäquat zu kompensieren. Und es kommt noch schlimmer: Durch die extrem hohen Eigenkapitalanforderungen wird es Banken immer schwerer gemacht, überhaupt noch Kredite vergeben zu können.

Spätestens hier zeigt sich die komplett schizophrene Natur der europäischen Geldpolitik und der europäischen Bankenregulierung

Auf der einen Seite möchte man die Banken über einen negativen Einlagenzinssatz „zwingen“, Kredite zu vergeben und damit Fristentransformation zu betreiben. Auf der anderen Seite macht man es wiederum über Regulierungseingriffe und Eigenkapitalanforderungen fast unmöglich, diese Kredite zu vergeben. Im Ergebnis führt das zwangsläufig zu fallenden Bankgewinnen und damit zu einer weniger leistungsfähigen Eigenkapitalvorsorge mit dem Ergebnis, dass sich die gesamte Bankwirtschaft in eine Negativspirale begibt, von der keiner profitiert.

Wer dieser Argumentation nicht folgen mag, vergleiche die Gewinnentwicklung der US-Banken mit der Gewinnentwicklung der europäischen Banken. Während US-Banken inzwischen vor Kraft kaum noch laufen können und die US-Wirtschaft von leistungsfähigen Banken massiv profitiert, leidet die europäische Wirtschaft unter Banken, die seit der Finanzkrise nur sehr bedingt an Substanz gewonnen haben. Das ist eine gefährliche Entwicklung, die sich spätestens in der nächsten Rezession bitter rächen wird. Denn Banken brauchen gerade in schlechten Zeiten einen „Puffer“, um weiterhin Kredite vergeben und Fristentransformation betreiben zu können. Dieser „Puffer“ konnte sich aber nie aufbauen, so dass in der nächsten großen Krise mit einem dramatischen Einbruch der Kreditvergabe zu rechnen sein wird. Ironie der Geschichte ist dabei die, dass die Notenbank in dieser Situation noch nicht einmal mit niedrigen Zinsen gegensteuern kann, denn sie sind ja schon niedrig!

Aber auch schon jetzt führt die aktuelle Situation zwangsläufig zu einer gestörten Fristentransformation, die sich auch in Zahlen ablesen lässt: So wächst die Kreditvergabe in der Eurozone nur sehr schwach, obwohl die Konjunktur brummt und die Geldpolitik auch durch unkonventionelle Maßnahmen sehr expansiv ist. Zudem liegt die Wachstumsrate der Geldmenge dramatisch über der Wachstumsrate der Kreditvergabe – ein untrügliches Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt.

Das Interessante dabei ist, dass selbst Politiker und vermeintliche Experten außerhalb der Finanzbranche diese Defizite als solche kaum erkennen. Hier wird viel zu oft ohne die intime Detailkenntnis der Vorgänge und quasi aus dem Elfenbeinturm heraus ein Bild gezeichnet, das nicht den Tatsachen entspricht. Und so kann es auch nicht verwundern, dass es so lange gedauert hat, bis endlich Stimmen laut wurden, diese Schieflage zumindest zum Teil zu korrigieren. Fairerweise muss man der Bundesbank zu Gute halten, dass sie hier schon länger eine vergleichsweise vernünftige Position bezieht; erfreulich ist jetzt aber, dass nun auch die französische Notenbank ahnt, dass es so nicht mehr lange weitergehen kann. Dementsprechend hat vor einigen Tagen der französische Notenbankpräsident zaghaft angekündigt, eine Anhebung des Einlagenzinses im kommenden Jahr unterstützten zu wollen.

Sollten Notenbank und Regulierungsbehörden tatsächlich die Not und den daraus folgenden Handlungsdruck erkannt haben?

Ist das nun endlich der lang erwartete Silberstreif am Horizont? Sollten Notenbank und Regulierungsbehörden tatsächlich die Not und den daraus folgenden Handlungsdruck erkannt haben? Wir haben nicht den Eindruck, dass das der Fall ist. Vielmehr machen uns die jüngsten Überlegungen, die Bankenregulierung und Bankenaufsicht noch stärker als bisher bei der ESMA in Paris zu zentralisieren, durchaus Angst. Denn hier entsteht ein bürokratisches Monster, das noch weiter von den jeweiligen bankspezifischen Gegebenheiten entfernt ist als eine nationale Aufsichtsbehörde. Zudem wird der Fokus bei der ESMA durch die eher frankophile Ausrichtung auf die Großbanken gerichtet.

Der wettbewerbsintensiven deutschen Bankenlandschaft mit vielen kleinen Banken wird diese Ausrichtung nicht gerecht. Dementsprechend werden große Fusionswellen im deutschen Bankgewerbe wahrscheinlicher. Und so entstehen neue systemrelevante Banken, die in der nächsten Krise erneut mit Steuergeldern gerettet werden müssen.

Man müsste fast lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre.

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Autor: Dr. Christian Jasperneite, Chief Investment Officer

Dr. Christian Jasperneite studierte an der Universität Passau VWL und promovierte anschließend an der Universität Passau am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Harvard University begann er im Jahr 2000 als Analyst im Makro-Research von M.M.Warburg & CO. Seit Anfang 2009 ist Dr. Jasperneite Chief Investment Officer bei M.M.Warburg & CO und verantwortet dort u.a. Fragen der strategischen und taktischen Allokation sowie der Portfoliokonstruktion und der Produktentwicklung.